Eine verschollen geglaubte Hinterglasmalerei

Scheublein Art & Auktionen setzt sich wieder einmal mit Hinterglasmalerei auseinander. Die im 19. Jahrhundert in Raimundsreut als Rußbild entstandene „Pietà“ ist wohl eine über viele Jahrzehnte verschollen geglaubte Hinterglasarbeit. Sie wurde restauriert und gleicht exakt der Abbildung in der bahnbrechenden, 1912 in vier Ausgaben erschienenen Publikation, die Franz Marc, August Macke, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky für ihren Almanach „Der Blaue Reiter“ auswählten

Das herausragende Objekt der Auktion ist zweifellos ein nur 20 x 28 cm großes Hinterglasbild mit einer außergewöhnlichen Verbindung zur Kunst der Klassischen Moderne. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um eine jener Volkskunstarbeiten, die Franz Marc, August Macke, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky für ihren Almanach „Der Blaue Reiter“ auswählten. Dieses Buch stellte neueste Werke der Malerei in Deutschland, Frankreich und Russland Arbeiten von El Greco, Hans Baldung Grien oder der bayerischen Volkskunst gegenüber und beeinflusste die Kunstrezeption des 20. Jahrhunderts entscheidend. Die im 19. Jahrhundert in Raimundsreut als Rußbild entstandene „Pietà“ gleicht bis auf ein winziges Detail in der Mundpartie Mariens und den fehlenden Faltenwurf des Mantels exakt der Abbildung der bahnbrechenden, 1912 in vier Ausgaben erschienenen Publikation.

Prominent im Almanach erwähnt ist die Hinterglasmalerei erwähnt

Das Bild wurde es restauriert. Wahrscheinlich ist es tatsächlich die über viele Jahrzehnte verschollen geglaubte Hinterglasarbeit, die die vier Künstler bei der Zusammenstellung des Bebilderungsprogramms für den Almanach nachdrücklich faszinierte. Denn sie ist unter den insgesamt elf volkstümlichen Spiegel- und Hinterglasbildern, die Eingang in die finale Auswahl fanden, nicht nur eines der drei Bilder, denen eine ganze Buchseite gewidmet ist. Auch ihre Position innerhalb des Almanachs ist mehr als prominent, schließlich wurde sie im Aufsatz „Das Verhältnis zum Text“ von Arnold Schönberg gegenüber einer auf einer Seite mit Text wiedergegebenen Schnitzerei von den Marquesas-Inseln aus dem Ethnographischen Museum in München platziert.

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Redakteure waren Marc und Kandinsky

Damit leitet sie jene doppelseitige Bildkombination ein, die die „Blaue Reiter“-Spezialistin Annegret Hoberg als „spektakulärste aller ohnehin frappierenden Gegenüberstellungen“ von Kunstwerken in dem gesamten Werk bezeichnet: Das Nebeneinander von Robert Delaunays „Tour Eiffel“ und El Grecos „St. Johannes“. „Die Auswahl der gezeigten Bilder folgt dem Leitgedanken, dass Formfragen für die eigentliche künstlerische Qualität eines Kunstwerks äußerlich sind“, schreibt Hoberg im Begleitband zur 2009 erschienenen Reedition der „Museumsauflage“ des Almanachs. „Dieser Pluralismus, die Variationsbreite der Form, etwa von naiv-gegenständlich wie bei Kinderzeichnungen oder populären Hinterglasbildern bis hin zu fast gänzlich abstrakten Kompositionen zeichnet auch die Offenheit der Redakteure (Marc und Kandinsky) gegenüber den aktuellsten Kunstwerken ihrer Kollegen aus, die sie in den Almanach einbezogen.“ Die Hinterglas-Pietà wird ist auf 800 Euro taxiert und morgen in der Auktion bei Scheublein Art & Auktionen versteigert. 2016 setzte sich das Münchner Auktionshaus ausführlich mit Hinterglasmalerei auseinander.

Tipp: Im Vorfeld einer Ausstellung bei Scheublein Art & Auktionen (2018)  über die Gebrüder August und Franz Seidel, Malerkollegen von Carl Spitzweg und Eduard Schleich, wurden kunsttechnologische Untersuchungen an den Werken angestellt. Lesen Sie mehr hier.