Eine neue Qualität von Kulturvandalismus?

Die Mona Lisa traf es mehrfach. Die Buddha-Statuen von Bamiyan fielen ihm ebenso zum Opfer wie der Artemis-Tempel von Ephesos oder Barnett Newman‘s abstraktes Gemälde „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“. Religiös, politisch oder individuell motiviert – Kulturvandalismus gibt es, seitdem es Bilder gibt. Doch in letzter Zeit mehren sich in westlichen Ländern Attacken auf Kulturgüter, in denen eine ideologische Konnotation mitschwingt

Ein schwarzer Plastiksack ist ihr übergestülpt. Dann versinkt sie im Kopenhagener Hafenbecken, die Gipsbüste des dänischen Königs Frederik V. Der Ort des Geschehens liegt nahe der Royal Danish Academy of Fine Arts, genau der Kunstakademie, die Frederik im Jahr 1754 zum 31. Geburtstags als Geschenk erhielt. Ein Video, das auf einer „offenen und integrativen Plattform für Akteur*innen der Kunstszene“ hochgeladen wurde, dokumentiert die Aktion der Künstlergruppe „Anonymous Visual Artists“. In deren Statement heißt es: „Indem wir Frederik V. in den Kanal versenken, wollen wir artikulieren, dass die Kolonialzeit zwar unsichtbar ist, aber dennoch direkte Konsequenzen für Minderheiten innerhalb und außerhalb der Königlichen Akademie hat“. Das Event wolle Solidarität mit all den Künstler:innen, Student:innen und Menschen aus aller Welt zeigen, die mit den Folgen des dänischen Kolonialismus auf den Virgin Island, in Indien, Ghana, den Faröer Inseln u.a. zu leben hätten. 

Kulturvandalismus ist kein Kavaliersdelikt

Doch die Royal Academy, Eigentümer der Büste, folgte dieser Rechtfertigung nicht und stellte Strafanzeige. Eine Woche nach Veröffentlichung des Videos outet sich eine Professorin des eigenen Hauses, Katrine Dirckinck-Holmfeld, als Initiatorin. Für die Polizei ein klarer Fall von Vandalismus, zumal von der aus dem Hafenbecken geborgenen royalen Büste nur noch eine irreparable Masse deformierter, nasser Gips übriggeblieben ist. In den Augen der dänischen Justiz kein Kavaliersdelikt: Vandalismus kann mit bis zu sechs Jahren Haft geahndet werden. Der Rat der Akademie distanzierte sich in aller Form von der Zerstörung: „Unsere Kunstsammlung stellt für die dänische Kultur ein zentrales gemeinsames künstlerisches Reservoir an historischem Wissen über den künstlerischen Ausdruck und die Bedeutung sich ändernder Zeiten dar. Wenn wir versuchen, die Vergangenheit zu löschen, indem wir etwa Kunst zerstören, fällt es uns nur noch schwerer, diese zu verstehen und somit aus ihr zu lernen“. 

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Bei den Ölangriffen in Berlin: rechtsextremistisches Gedankengut als Motiv?

Die Aktion der „Anonymous Visual Artists“ erregte in Dänemark eine immense Medienaufmerksamkeit. Sie ereignete sich nach dem spektakulären Angriff auf mindestens 70 Kunstwerke in Berlin.  Am Tag der Deutschen Einheit 2020 hatte ein oder eine Gruppe unbekannter Täter im Pergamonmuseum, im Neuen Museum, in der Alten Nationalgalerie und an anderen Standorten der Berliner Museumsinsel Objekte mit einer öligen Flüssigkeit bespritzt – darunter ägyptische Sarkophage, Steinskulpturen und Gemälde des 19. Jahrhunderts. Auch hier drängt sich die Vermutung auf, dass der Attacke weltanschauliche Motive zugrunde lagen. Während es sich in Kopenhagen allerdings um linken Aktivismus handelt, vermuten ZEIT-Redakteure bei den Ölangriffen in Berlin rechtsextremistisches Gedankengut als Motiv. Verwiesen wird dabei auf die Auftritte Attila Hildmann, eines bekennenden Anhängers der amerikanischen Verschwörungstheorie QAnon. Auf seinem öffentlichen Telegram-Kanal hatte der prominente Koch verbreitet, dass sich im Pergamonmuseum der „Thron des Satans“ befinde. Mehr noch sei das aufgrund des Lockdowns geschlossene Museum das Zentrum der „globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher“, wo „sie“ nachts Kinderopfer brächten und Kinder schändeten.

Mehrere Attacken vorangegangen

Wer allerdings tatsächlich hinter dem zerstörerischen Anschlag steckt, ist noch nicht geklärt. Wie sich erst kürzlich herausstellen sollte, waren dem Berliner Vorfall im Sommer 2020 bereits Attacken – ebenfalls durchgeführt mit pflanzlichen Ölen – auf Schloss Wewelsburg und Schloss Cecilienhof  vorausgegangen, beide wichtige Stätten deutscher Geschichte: So war das Schloss Wewelsburg im Kreis Paderborn ein Zentrum des NS-Schutzstaffels, während das Schloss Cecilienhof den Schauplatz der Potsdamer Konferenz bot, wo die USA, Großbritannien und die Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkriegs unter anderem den Abbau des nationalsozialistischen Deutschlands erörterten.

Angriff auf unser Kulturgut

Ob dem aktuellen Vandalismus nun ein linkes oder rechtes Strickmuster zugrunde liegt: Die Radikalität, mit der die Akteure vorgehen, ist zutiefst beunruhigend. Es ist ein Angriff auf unser Kulturgut – und damit auch auf uns.