Historische Gärten sind mehr als gestaltete Natur – sie sind Ausdruck vergangener Weltbilder, Spiegel politischer Ideale und Zeugnisse gestalterischer Innovation. Im 18. Jahrhundert entstand auf der britischen Insel ein neuer Gartentypus, der sich radikal von der formalen Geometrie der barocken Gartenkunst abwandte. In Stowe, einem Landsitz in Buckinghamshire, nahm diese Entwicklung ihren Anfang. Der Landschaftsgarten wurde hier zum Manifest eines neuen Naturverständnisses – geplant, inszeniert und doch scheinbar ungezwungen. Was waren die Triebkräfte dieses gestalterischen Umbruchs? Welche politischen und ikonografischen Aussagen sind in der Anlage eingeschrieben? Und wie gelingt es heute, dieses vielschichtige Gartendenkmal zu bewahren?
Bis ins 18. Jahrhundert hinein galt in Europa der französische Barockgarten als der Maßstab für jegliche Gartengestaltung. Strenge Axialität und Geometrie sowie symbolische Hierarchie bestimmten diese Gärten und galten als Beleg, dass die menschliche Vernunft den Kosmos beherrschte. In England wuchs jedoch die Ablehnung dieser Form der Naturgestaltung, die als Ausdruck des Absolutismus betrachtet wurde. Die Adligen auf der Insel waren erfasst von einem freiheitlichen gesinnten Geist – in diesem politischen Klima entstand der Garten um den Landsitz Stowe. Richard Temple, 1. Viscount Cobham und Erbe Stowes hatte sich als Politiker und Angehöriger des Militärs einen Namen gemacht. Er stand für patriotische, aber liberale Werte und engagierte sich in der Partei der Whigs. Er versammelte Gleichgesinnte wie Alexander Pope, James Gibbs, Gilbert West und William Kent um sich, um eine neue Gartenphilosophie zu erarbeiten. Gärten sollten als lehrreiche Allegorie auf Tugend, Geschichte und politische Ordnung verweisen – und nicht mehr wie bisher auf absolutistische Macht. Für die Umsetzung seines Gartenplans verpflichtete Richard Temple die bedeutendsten Gartenarchitekten und -planer seiner Zeit: Charles Bridgeman, William Kent und Lancelot „Capability“ Brown. Entstanden ist ein Garten, der von Sichtachsen, Bauwerken und Skulpturen geprägt wird und moralische und politische Ideale in Naturform wiedergibt.
Bedingt durch die drei Gartengestalter kann man die Entstehung des Gartens in drei Phasen einteilen. In der ersten Phase um 1715, die von Charles Bridgeman (1690–1738) geprägt wurde, erweiterte man den ursprünglichen Garten – der noch geometrisch formal angelegt war – um 400 Hektar. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Sir John Vanburgh (1644–1726) unternahm Bridgeman erste Schritte, um den Garten grundlegend zu verändern. Mit einem Aha-Graben – dem Ersten Englands – wurde ein erstes Element, das einen Landschaftsgarten kennzeichnet, angelegt. Bei einem Aha- oder auch Ha-ha-Graben handelt es sich um einen nicht erkennbaren Graben, dessen Wände mit einer Mauer oder einem Zaun abgesichert sind. Der Aha-Graben sollte Weidevieh und andere Tiere davon abhalten in den gestalteten Garten oder Park einzudringen, bei gleichzeitig unverstelltem Blick in die Weite der umgebenden Landschaft. Mit diesem Stilmittel entstand eine optische Ausdehnung des Gartens. Der Name Aha- oder auch Ha-ha-Graben rührt von dem Ausruf der Überraschung, wenn man an eine solche unsichtbare Gartengrenze stieß. Zu den Ergänzungen, die Bridgeman vornahm gehörten auch der Octagon Lake sowie weitere formale Teiche aber auch die Pflanzung von Bäumen entlang der Südfront und ein formales Wegsystem, um einen Rundgang durch den Garten zu schaffen. Zudem gestaltet er das Wick Quarter, ein bewaldetes Gebiet im Garten in der Nähe des später errichteten Gotischen Tempels. Zudem entstanden Gebäude, die den Park bis heute prägen in dieser ersten Phase. So wurden von Bridgeman und Vanburgh die Rotunde, die See-Pavillons und das Queen Caroline Monument angelegt. Nach dem Tod von Vanburgh kam James Gibbs (1682–1754) als Architekt nach Stowe. Auf ihn gehen die imposantesten Tempelbauten im Garten zurück. Während seiner insgesamt zwei Aufenthalte von 1726 bis 1729 und 1737 bis 1748 schuf er unter anderem die Palladio Brücke sowie der Tempel der Freundschaft.
In Opposition zum König
Den entscheidenden Schritt zum Landschaftsgarten vollzog William Kent (1685–1748). Er war ab 1730 für die Gestaltung des Gartens zuständig. Kent begann seine Karriere als Maler, nachdem seine Bemühungen auf dem Gebiet gescheitert waren, widmete er sich der Innen- und Gartenarchitektur sowie der Baukunst. Im Bereich der Gartenkunst war er äußerst angesehen und galt als erster Gartenarchitekt des Landes. Kent löste die geometrische Ordnung des Gartens vollständig auf und fügte die „Elysischen Felder“ hinzu. Die „Elysichen Felder“ oder auch „Elysion“ oder „Elysium“ waren ein sagenumwobenes Land am Westrand der Erde. In diesem Land sollten nach antiker Vorstellung, die Seligen in ewigem Frühling leben. In anderen Beschreibungen werden die elysischen Gefilde als ein abgegrenzter Ort der Unterwelt beschreiben, in dem herausragende Helden und Gerechte in ewiger Seligkeit leben, ohne vom Tod bedroht zu werden. In diesem Teil des Gartens, der sich in einem Tal befindet und auch als „epic landscape garden“ bezeichnet wird, werden die moralischen und politischen Ansichten des Erbauers deutlich. Dort befindet sich zum Beispiel der Temple of Ancient Virtue. Der Rundtempel ist vier Größen aus den Bereichen Philosophie, Gesetzgebung, Dichtung und Kriegsführung des antiken Griechenlands gewidmet: Sokrates, Lykurg, Homer und Epaminondas. Man kann sie als Vorbilder Temples bezeichnen – sie stellten für ihn in ihrem Bereich gewissermaßen das Idealbild dar. Weitere Bauten, die den Park prägten, sind William Kent zuzuordnen: der Temple of British Worthies, der unter anderem Isaac Newton, Elisabeth I. und Shakespeare würdigt, die Shell Bridge, eine Grotte sowie ein Kieselalkoven.
Nach dem Tod von William Kent vollendete Lancelot „Capability“ Brown (1716–1783), der bereits mit Kent in Stowe sieben Jahre zusammengearbeitet hatte, den Garten. Seinen Beinamen erhielt Brown, weil er auch in Gärten mit schwierigstem Gelände Möglichkeiten (engl. capabilities) sah, diese zu gestalten. Seine Maßnahmen waren oft sehr rigoros, aber er entwickelte letztendlich einen englischen Landschaftsgarten reinen Typs. Er entwickelte das „picturesque“, also das Malerische in der Gartengestaltung. Die von ihm gestaltete Landschaft diente dem Schriftsteller William Gilpin als Vorlage für seiner Schrift „A Dialogue upon the Gardens of the Right Honourable the Lord Viscount Cobham, at Stow in Buckinghamshire“. Zu seinen Hinterlassenschaften gehören das Grecian Valley (Griechisches Tal) und der Temple of Concord and Victory (Tempel der Eintracht und des Sieges). Er blieb bis 1751, bis zum Tod von William Temple in Stowe. Brown gelang es die unterschiedlichen Gartenteile zu vereinen und er war es auch der die gewünschte politische Aussage des Gartens finalisierte. Die Bauten, die den Park zierten und die auf Rundgängen erreichbaren waren, stammten allesamt aus einer Zeit vor dem Absolutismus: Antike, Gotik und Renaissance. Der Garten wurde so zu einem Manifest gegen den Absolutismus – und letztendlich auch gegen den König George III.
Verfall und Wiederauferstehung
Bereits in den 1830er-Jahren begann der Verfall des Anwesens. Der zweite Duke of Buckingham and Chandos war nun Besitzer des Familienanwesens, aber er bewies in finanziellen Dingen kein glückliches Händchen. Neben dem Verkauf von Land musste zudem auch in einer Auktion Hausrat versteigert werden. Seinem Sohn und Nachfolger, dem dritten Duke gelang es kurz dem Anwesen einen Aufschwung zu verleihen, aber nach seinem Tod – er starb ohne männlichen Erben und Stowe ging an seine Tochter Lady Kinloss – setzte der Abstieg wieder ein. Der Tod seines ältesten Enkelsohns im Ersten Weltkrieg besiegelte dann das Schicksal Stowes: Das Anwesen wurde Anfang der 19020er-Jahre verkauft. Der neue Käufer veräußerte es ebenfalls schnell und ab 1923 diente das Gebäude der Stowe School – bis heute eine der renommiertesten Privatschulen mit angeschlossenem Internat Großbritanniens. 1989 schenkte die Schule den Garten dem National Trust, der ihn umfassend restaurierte. Die Arbeiten zogen sich über mehrere Jahrzehnte und werden bis heute fortgesetzt. In mehreren Phasen gelang es dem National Trust schrittweise dem Garten wieder zu seinem ursprünglichen Aussehen zu verhelfen.
Die erste Phase diente dazu die Parklandschaft grundlegend wiederherzustellen. Viele der Tempel und Denkmäler im Park waren einsturzgefährdet oder von dichtem Bewuchs überwuchert. Behutsame gärtnerische Eingriffe sowie groß fleischliche bauliche Maßnahmen machten den ursprünglichen Zustand allmählich wieder sichtbar. Das Ziel bei diesen Maßnahmen war es, den Eindruck zu vermitteln, die Anlage habe sich über die Jahrhunderte organisch erhalten. Es war also oberste Priorität, dass die Eingriffe heute kaum noch als solche erkennbar sind.
Stowe kann auf eine lange Nutzung als touristische Attraktion zurückblicken – bereits in den 1700er- Jahren war es eine Besucherattraktion und diese Tradition sollte fortgeführt werden. Die zweite Phase der Wiederinstandsetzung des Historischen Gartens galt ganz diesem Ziel. Das sogenannte New Inn – ein Gasthaus aus dem Jahre 1717, das damals eigens für den aufkommenden Gartentourismus errichtet worden war – wurde restauriert, so dass es heutigen Besuchern ebenfalls dienen kann. 2012 eröffnete das New Inn für die Öffentlichkeit. Zum Besuchererlebnis zählt nun auch ein rekonstruierter historischer Küchen- und Nutzgarten, dessen Produkte heute im Café Verwendung finden.
2015 begann die dritte Phase, deren Ziel es war, die Gartenanlage möglichst präzise wieder in den Zustand des 18. Jahrhunderts zurückzuführen. Im Rahmen eines umfassenden Landschaftsprogramms definierte man 54 Teilprojekte, darunter die Wiederherstellung der verlorenen Wegeführung, die Öffnung bislang nicht zugänglicher Gartenbereiche sowie die Rekonstruktion von Monumenten und Skulpturen. Unter den Projekten war die Rückkehr der Statue der Pastoral Poetry im Grecian Valley. In den 1760er Jahren verlegte Earl Temple einen kleinen Tempel mit offener Seite, der Fane genannt wurde, ins Grecian Valley und widmete ihn der Hirtendichtung. Eine Statue von Thalia, der Muse der Hirtendichtung, wurde in der Nähe des Tempels aufgestellt und sollte als Schutzgeist des Tals fungieren. Da die ursprüngliche Statue nicht erhalten war, wurde eine Nachbildung nach dem Vorbild der Statue der heroischen Poesie in Auftrag gegeben. Die Statue der Hirtenpoesie wurde schließlich im Dezember 2018 an ihren ursprünglichen Standort am Ende des griechischen Tals zurückgebracht.
Ein weiteres Teilprojekt widmete sich dem Umfeld der „Elysian Fields“. Am Eingang rund um den dorischen Bogen fanden Statuen der neuen Musen Aufstellung. Sie wurden zum Teil rekonstruiert und restauriert. Zudem erforschte man die Geschichte der neun Musen Stowes und fand heraus, dass sie mehrfach versetzt worden waren. Die Wiederaufstellung der Skulptur des antiken Gottes Apollo 2023 komplettierte das Ensemble.
Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Der National Trust setzt in Stowe auf ein dynamisches Verständnis von Gartendenkmalpflege. Man setzt dort auf historische Authentizität, ökologische Nachhaltigkeit und kulturelle Vermittlung. Die zukünftigen Projekte kennzeichnet genau das – denn wie der National Trust auf seiner Website betont: Denkmalpflegerische Arbeit endet nicht mit dem Erreichten. Daher sind auch weitere Projekte geplant, um dieses Gartendenkmal und britisches Erbe zu sichern und neue Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen. Zu den Zukunftsprojekten gehört etwa der Stowe Parkland Trail. Dieser 5,5 Kilometer lange Rundweg soll den Besucherinnen und Besuchern zukünftig einen sicheren und barrierearmen Zugang zur erweiterten Parklandschaft bieten. Bereits bestehende Pfade, Reitwege und Privattrassen abseits der öffentlichen Straßen werden dafür einbezogen und aufgearbeitet. Am Stowe Parkland Trail befindet sich der Bourbon Tower – ein bisher für die Öffentlichkeit nicht zugänglicher Aussichtsturm. Im Zuge der Arbeiten entlang des Rundwegs soll der Turm denkmalgerecht restauriert werden, um ihn Besucherinnen und Besuchern zugänglich zu machen. Aber nicht nur Restaurierungsmaßnahmen sind geplant, sondern er soll auch als ökologisches Modellprojekt dienen. Rund um und im Bourbon Tower sollen Biodiversität, Bildung und kulturelle Vermittlung zusammenkommen.
Zwei weitere Bauwerke im Garten stehen auf der Restaurierungsliste: der East Boycott Pavillon und die Palladian Bridge. Der Pavillon befindet sich am Westrand des Parks und soll von späteren Einbauten befreiten werden, um eine denkmalgerechte Umgestaltung zu ermöglichen. Das Mezzanin soll künftig ebenfalls begehbar sein, um eine Besichtigung der historischen Dachkonstruktion zu ermöglichen und zugleich soll es als Atelier für Künstler in Residence dienen. Im Erdgeschoss soll zukünftig Raum für Ausstellungen aber auch für Tagungen, Workshops, intime Abendessen und kleine Events sein.
Ein drängendes Projekt ist die Restaurierung der ikonischen Palladian Bridge. Die unter Denkmalschutz stehende Brücke steht auf der Liste des gefährdeten Kulturerbes von Historic England. In den letzten 34 Jahren wurden nur minimale Erhaltungsarbeiten an der Brücke durchgeführt. Nun ist sie einem schlechten Zustand und benötigt dringend eine Restaurierung. Zusätzlich werde die Umgebung wiederhergestellt und die Zugangswege verbessert, indem sie ebenerdig gestaltet werden. Auch die Aufstellung von Bänken ist geplant. Die dort bereits bestehenden Lebensräume sollen in diesem Projekt ebenfalls geschützt und verbessert werden.
Stowe markiert den Beginn einer neuen Epoche in der Gartenkunst. Die Anlage verkörpert den Übergang vom formalen Repräsentationsgarten zur moralisch aufgeladenen, später ästhetisch empfundenen Landschaft. Ihre Gestalter – Bridgeman, Kent, Brown – schufen nicht nur ein Meisterwerk der Gartenkunst, sondern auch ein politisch-kulturelles Dokument von europäischem Rang.
Die heutigen Restaurierungen und Erhaltungsmaßnahmen stehen vor der Aufgabe, diesen vielschichtigen Ort nicht nur zu bewahren, sondern auch als historischen Text lesbar zu halten. Stowe bleibt damit nicht nur ein Denkmal, sondern ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Eine Reise wert ist auch der Garten von Max Liebermann am Berliner Wannsee.
