Digitale Transformation im Museum

Die digitale Transformation ist nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie mittlerweile im Museum eine Alltäglichkeit geworden und wie in allen anderen Bereichen aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Darüber sprach RESTAURO mit Dr. Wolfgang Muchitsch, Präsident des Museumsbundes Österreich und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Universalmuseums Joanneum (Graz)

Die digitale Transformation und das Museum

RESTAURO: Wie sehen Sie Entwicklung der Museen? Wird sich die Rolle/Aufgabe der Museen verändern?

Prof. Dr. Wolfgang Muchitsch: Natürlich wird die Pandemie an uns allen und damit auch am Museum ihre Spuren hinterlassen. Das Museum wird auch in Zukunft hybrid bleiben und neben seinen analogen Angeboten den digitalen Raum mit seinen Möglichkeiten für sich nutzen. Dementsprechend hat die Pandemie bereits absehbare Entwicklungen der digitalen Transformation beschleunigt und bereits vor der Pandemie bestehende Probleme, wie die Einbettung und faire Entlohnung z. B. der Vermittlung, verstärkt in den Fokus gerückt. Und auch wenn die Pandemie vieles überschattet hat, ist die eigentlich große brennende Frage unserer Zeit, die menschengemachte Veränderung des Klimas und ihre Auswirkungen, deren Folgen für uns alle spür- und sichtbar sind, auch im Museum angekommen, was sich in unseren Programmen, der Nachhaltigkeit unserer täglichen Arbeit und auch unserem politischen Engagement widerspiegeln wird.

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Welche Ziele verfolgen Sie als Präsident des Österreichischen Museumsbunds? Was sollte sich in den Museen ändern?

Die Museen und die Museumsarbeit unterliegen stetigem Wandel, vor allem wenn wir uns die Entwicklungen der beiden letzten Jahrzehnte vor Augen halten und die immer größeren Erwartungshaltungen an das Museum und seine gesellschaftlichen Leistungen unter Einbeziehung möglichst aller gesellschaftlichen Gruppierungen. Der Museumsbund Österreich versteht sich dabei als Plattform für alle österreichischen Museen und der dort tätigen und engagierten Menschen sowie als deren Interessensvertretung und Sprachrohr gegenüber den Museumsträger:innen. Dementsprechend werden wir uns weiterhin vor allem für faire Rahmenbedingungen für die Museumsarbeit, die Qualitätssteigerung der Museen und die Vermittlung der gesellschaftlichen Relevanz des Museums einsetzen.

Was bewirkt ein realer Museumsbesuch im Vergleich zu einer digitalen Führung? 

Ein analoges Museumserlebnis gemeinsam mit anderen Menschen lässt sich mit einem digitalen Besuch nicht vergleichen und ein digitales Format kann dieses Erlebnis auch nicht ersetzen. Die gemeinsame Erfahrung im dreidimensionalen Raum ist als Lern- und Erfahrungserlebnis doch immer noch anders zu bewerten. Aber es ist ja auch nicht der Sinn unserer digitalen Aktivitäten, unsere analogen Angebote wie Führungen in den digitalen Raum zu schaufeln, sondern wir müssen eigene, für den digitalen Raum passende Angebote entwickeln. Die Erweiterung des Museumsraums ins digitale ist keine Übersetzung des analogen Museumsraums, es ist ein neuer Museumsraum.

Sollte die Gesellschaft mehr Verantwortung für den kulturellen Erhalt übernehmen? 

Ein mehr ist natürlich immer wünschenswert, vor allem wenn es um die Erweiterung unserer Sammlungen sowie deren Erhalt und wissenschaftlichen Bearbeitung geht. Da gibt es noch sehr viel Luft nach oben, zumal wir sehr stark von den Sammlungen früherer Generationen oder heutiger Mäzene leben und uns im Sinne eines Generationenvertrages überlegen müssen, wie und welche Sammlungen wir den künftigen Generationen weitergeben möchten.

Wie sieht das Zwischenfazit im vergangenen Sommer/Herbst nach der Wiedereröffnung der Museen aus?

Grundsätzlich können wir als ein regional orientiertes Landesmuseum abseits großer Tourismuspfade mit dem bisherigen Verlauf des Jahres 2021 sehr zufrieden sein. So liegen unsere Besuchszahlen Ende November 2021 trotz rund 50 zusätzlicher pandemiebedingter Schließtage nur um rund 4 % unter den Zahlen von 2019, d. h. unser regionales Stammpublikum hat uns über die Maßen die Treue gehalten.

Ist der Erfolg eines Museums messbar? Wer sind relevante Stakeholder im Museumsbereich und was sollte sich in diesem Bereich etwas in Zukunft verändern?

Natürlich ist Erfolg immer messbar, aber die Frage ist, wie und ob er immer in Zahlen quantifizierbar ist. Ich denke, wir sind uns in der Museumscommunity einig, dass die gegenüber den Museumsträger*innen, der Öffentlichkeit und den Medien stark propagierte Besuchszahl zwar ein wichtiger Benchmark ist, aber eben nur einer von viele möglichen, die die Leistungen unserer Museumsarbeit in ihrer Gesamtheit gegenüber der Gesellschaft, unseren Besucher*innen und vor allem unseren Sammlungen zum Ausdruck bringt. Und ich denke, es wird wichtig sein, dass wir diese größere Palette an Kennzahlen, die den „Erfolg“ eines Museums abbilden, auch künftig stärker kommunizieren. Dazu haben wir aktuell eine MuseumsScorecard (www.museums-scorecard.at) in Österreich entwickelt, die der Beginn sein soll, möglichst viele Perspektiven der Museumsarbeit abzubilden und die Gesamtheit des Museums und seiner Praxis näherzubringen.

Das Interview führte Dr. Bianca Matzek. Die Autorin ist studierte Architektin (Alanus Hochschule für Kunst & Gesellschaft, Bonn-Alfter/ ETH Zürich). Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Verbindung von Medien, Kunst, Szenografie und Architektur. Zudem ist die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Professorin für Medienmanagement leitend in einem internationalen Wissenschaftsverlag tätig. 2021 ist ihre Publikation „Platform 10 – Durch die Linse der Szenografie“ erschienen (Peter Lang Verlag, Lausanne 2021).

Lesen Sie mehr zum Thema Museum der Zukunft in der RESTAURO-Ausgabe 2/2022.

Tipp: Erstmalig findet im März 2022 ein zweitägiger Tag der Restaurierung im Universalmuseum Joanneum in Graz statt: Das Programm bildet das breite Spektrum der heutigen Konservierung und Restaurierung ab. Schauen Sie vorbei!