Die neue Kunsthalle Praha

Die Prager Stadt- und Kulturlandschaft bekommt ein neues Highlight: Ein ehemaliges Umspannwerk verwandelt sich in der tschechischen Hauptstadt nach einer umfassenden Sanierung in die neue Kunsthalle Prag (Kunsthalle Praha). Das Zentrum für zeitgenössische Kunst wird am 22. Februar 2022 eröffnet. Die Art der Rekonstruktion und Transformation ist der Kunstwelt nicht unbekannt: auch die Tate Modern war ein Umspannwerk, und Lissabons MAAT diente vor allem als Kraftwerk

Der von der Pudil Family Foundation gegründete und im historischen Zentrum von Prag gelegene Kunstraum (Kunsthalle Praha) soll zu einem Highlight der Prager Stadt- und Kulturlandschaft werden. Der Schwerpunkt wird auf der zeitgenössischen tschechischen und internationalen Kunst des 20. Jahrhunderts liegen. Insgesamt sollen 1.300 Quadratmeter Ausstellungsfläche entstehen, der Hauptteil ist verteilt auf drei Hallen, die miteinander verbunden werden. Die zwei Hallen darunter sollen die Sammlung der Stiftung beherbergen. Außerdem soll es ein Designgeschäft, Räume für Bildung und Kinder, ein Restaurant, ein Café und eine Terrasse geben. Diese Art der Rekonstruktion und Transformation ist der Kunstwelt nicht unbekannt – die Tate Modern war auch ein Umspannwerk und Lissabons MAAT diente vor allem als Kraftwerk.

Die neue Kunsthalle Praha

Das ursprüngliche Umspannwerk Zenger wurde zwischen 1930 und 1931 von der Elektrizitätsgesellschaft der Stadt Prag gebaut. Die Anlage nahm 1932 den Betrieb auf und wandelte Strom für das Straßenbahn- und Trolleybusnetz der Stadt um. Der dazugehörige Bahnhof wurde vom Architekten Vilém Kvasnička im neoklassizistischen Stil entworfen, um sich in die anderen Gebäude der Umgebung einzufügen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Technologie weiter und in den späten 1970er Jahren benötigte das Umspannwerk keinen so großen Platz mehr. 2015 wurde das Gebäude von der Pudil Family Foundation erworben, um darin die Kunsthalle Praha zu errichten. Zuvor war noch die Verwandlung in ein Hotel im Gespräch.

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Erhaltung der denkmalgeschützte Fassade

Beim Wiederaufbau oder Umbau von Gebäuden besteht die größte Herausforderung bekanntlich darin, die wertvolle historische Substanz, die DNA des ursprünglichen Ortes, zu erhalten. Der spezifische genius loci sollte sich auch in diesem Fall, so die Pläne, mit der Geschichte eines technischen Denkmals und mit dem aktuellen Bedürfnis, über die Zukunft von Gesellschaft, Kunst und Kultur nachzudenken, verbinden. Die Aufgabe des Architekturbüros Schindler Seko bestand folglich darin, möglichst viele Originalmerkmale des Gebäudes zu erhalten, darunter die denkmalgeschützte Fassade, das Dach und Teile des Innenraums.

Kulturdenkmal in UNESCO-geschütztem Gebiet

Das Gebäude, ein Kulturdenkmal in einem UNESCO-geschützten Gebiet, sollte wieder atmen. Vor der Umwandlung war es mit Technik und Transformatoren gefüllt. Das stand im Kontrast zu den neoklassizistischen Fassaden. Der Innenraum war industriell, vom Publikum abgekoppelt und korrespondierte nicht mit den Fenstern. Schwerer wog, dass das Betoninnere des Gebäudes und der Großteil der vertikalen Tragwerke wegen Kontamination mit Erdöl und Quecksilber verändert werden mussten. Sie waren statisch mangelhaft und hätten jederzeit einstürzen können.

Kontamination mit Erdöl und Quecksilber

Aufgrund des schlechten Zustands des Gebäudes sowie der hohen Anforderungen an Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tragfähigkeit und Brandschutz, die der Neubau erfüllen muss, entschied sich Schindler also für eine erhebliche Mutation der ursprünglichen DNA. Der Einbau einer monolithischen Wandstruktur in die ursprünglichen Umfassungsmauern erntete deshalb nicht nur Zuspruch. Alle verunreinigten oder aus schadhaftem Tonerdebeton hergestellten Bauteile mussten entfernt werden, was die statische Stabilität des Bahnhofs zunächst beeinträchtigte.

Axel Kufus ist projektbeteiligt

Außerdem gibt es eine neue Eingangsrampe als Zugang. Sie führt die Besucher in eine erhöhte Eingangshalle, damit sie hier die Aussicht genießen können.Dank der Moder- nisierung des Umspannwerks wurden alle notwendigen Technologien zur Umwandlung von Wechselstrom in Gleichstrom reduziert und in den Keller des Gebäudes verlegt. In der unterirdischen Kunsthalle werden weiterhin Prager Straßenbahnen gespeist, während die oberen Stockwerke den Menschen und der Kunst gehören. Das projektbeteiligte Innenarchitekturstudio von Axel Kufus, Professor an der Universität der Künste Berlin, bringt zu guter Letzt einen großen Erfahrungsschatz in den Bereichen Interior, Ausstellungsgestaltung und Szenografie in die Kunsthalle ein. Zuletzt fiel es im gleichen Kontext mit der minimalistischen Innenarchitektur der Kunsthalle Mannheim auf.

Einen Rundgang durch den Rohbau sehen Sie hier:

 

Tipp: Mit der Betrachtung von Neubauten im Denkmal hat sich Diplom-Restaurator Boris Frohberg auseinandergesetzt. Da die materialgetreue Rekonstruktion durch Alterung weitgehend unsichtbar wird, soll hier die Material- und Formenwahl eine bewusste Abgrenzung durch das Weiterbauen bieten. Doch wie, wodurch und womit? Die Analyse lesen Sie hier