Die Geschichte der „Victoria von Calvatone“

Eines der wichtigsten Werke der Berliner Antikensammlung galt 70 Jahre als verschollen. Nun wurde
die „Victoria von Calvatone“ in Sankt Petersburg restauriert und ausgestellt. Eine wissenschaftliche
Publikation erzählt ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Erforschung

Die Geschichte der „Victoria von Calvatone“ ist eine Geschichte, wie sie viele Kunstwerke aus deutschen Museen haben, die 1945 von sowjetischen Soldaten abtransportiert wurden. Lange wurden sie als verschollen, als Kriegsverluste angesehen. Erst nach und nach werden sie im heutigen Russland aus den Depots geholt, restauriert und publiziert. Denn sie gelten dort bis heute als Ausgleich für die Kriegsverluste. 

Die Bundesrepublik sieht die Rechtslage bekanntlich anders, so dass die Fronten politisch seit Jahrzehnten total verhärtet sind. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und andere deutsche Kulturinstitutionen versuchen gemeinsam mit russischen Museumsmitarbeitern den Dialog und bemühen sich um eine Zusammenarbeit auf Wissenschaftlerebene. Die funktioniere, wie immer wieder versichert wird. Dass bis heute nicht bekannt ist, was alles in russischen Archiven lagert, nehmen die deutschen Wissenschaftler für die Möglichkeit, an manchem Projekt gemeinsam zu arbeiten, hin. „Wir wollen die Objekte gemeinsam erforschen und gemeinsam restaurieren. Wir wollen wissen: Was gibt es noch? Wo gibt es welche Objekte? Wir wollen die getrennten Objekte zum Teil virtuell wieder zusammenführen und gemeinsame Forschungs- und Ausstellungsprojekte machen“, sagte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im stiftungseigenen Newsletter zum Ende des Jahres 2019. 

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Ob Parzingers Wünsche so in Erfüllung gehen, ist nicht klar –   immerhin gibt es immer wieder Kooperationen. In der Vergangenheit wurden mehrere Ausstellungen in Russland mit Stücken aus Berlin gezeigt. 2007 eine Merowinger-Ausstellung, 2013 eine Schau zur Bronzezeit. Und Ende 2019/Anfang 2020 die Ausstellung „Die Victoria von Calvatone: Das Schicksal eines Meisterwerks“. Auf die Ausstellung kann hier nicht mehr verwiesen werden, doch jetzt ist endlich der begleitende Katalog mit dem ausführlichen Restaurierungsbericht auf deutsch erschienen.

Die Figur ist im Verlustkatalog Band V.1. der Berliner Antikensammlung aufgeführt. Danach befand sich die auf einer Erdkugel Schwebende zuletzt in der Neuen Reichsmünze, einem der Auslagerungsorte der Berliner Museen in Berlin. Das Gebäude wurde in der Nacht vom 10. auf denn 11. März 1945 von einer Bombe getroffen. Seitdem galt die „Victoria von Calvatone“ als Kriegsverlust. Nach Einschätzung von Martin Maischberger, stellvertretender Direktor der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, „der wichtigste und bekannteste Kriegsverlust der Antikensammlung“. Die vergoldete, antike Bronzefigur war 1841 von den Berliner Museen in Italien erworben worden. Dort wurde sie 1836 in der Lombardei, in der Gemeinde Calvatone, auf dem Acker von Luigi Alovisi gefunden. Erst seit 2016 wissen die Berliner Museen, dass sich das Kunstwerk seit Kriegsende in der Eremitage in Sankt Petersburg befindet. 

Im Katalog-Grußwort, das Mikhail Piotrovsky, Generaldirektor der Eremitage und Hermann Parzinger gemeinsam geschrieben haben, heißt es dazu: „Die Geschichte der ‚Victoria von Calvatone‘ veranschaulicht in vielerlei Hinsicht die komplexe Geschichte des 20. Jahrhunderts. (…) Dieses wichtige Artefakt, das lange Zeit als verloren galt, wird nicht nur wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sondern kehrt auch in den internationalen wissenschaftlichen Diskurs zurück.“ 

Dieser Diskurs kann sich mit gutem Recht darum drehen, wie die Berliner Restaurierung der Statue zu bewerten ist. Denn gefunden wurde sie ohne linken Arm, ohne linkes Bein, ohne Palmwedel und ohne Flügel. Während die Ergänzungen von Arm und Bein erkennbar Fehlendes ersetzten, sind die Flügel eine komplette Neuschöpfung. Wie Anna Wilenskaja, eine der Ausstellungskuratorinnen, in ihrem sehr lesenswerten Katalogbeitrag jetzt ausführt, bekam die Figur auf diese Weise eine komplett neue Bestimmung als Diana, Luna oder auch Hekate. Denn ohne Flügel verschwindet die kriegerische Zuschreibung und eine Interpretation als Diana oder Lichtbringerin wird wahrscheinlich. Anna Wilenskaja schlägt daher vor, dass sie in der antiken rechten, der erhaltenen Hand einen Pfeil gehalten haben könnte. Sie schreibt: „Die hier vorgestellten, miteinander verflochtenen Ikonographien der Luna, der Aurora und der „Lichtbringenden“ (Lucifera) verweisen auf eine Darstellungsvariante der Göttin Diana, die antiken Meistern wohlbekannt war und vielfach im Medium der Plastik, auf Münzen und Gemmen wiederholt wurde. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie jedoch ihre Popularität schon längst eingebüßt und war somit praktisch vergessen.“ 

Das beeinflusste den italienischen Metallbildhauer Bartolommeo Conterio nicht. An ihn hatte sich Luigi Alovisi, auf dessen Feld die Skulptur in drei Teilen gefunden worden war, gewandt. Conterio setzte sie wieder zusammen und ergänzte, äußerst zurückhaltend, verschiedene kleinere Absprengungen. Uwe Peltz, Restaurator für die Berliner Antikensammlung, bescheinigt Conterio eine für seine Zeit überaus ungewöhnliche konzeptionelle Zurückhaltung. Von der kann Peltz bei der Beschreibung der massiven Berliner Ergänzungen nicht mehr sprechen. Solche Flügelergänzungen hatten in Preußen jedoch offenbar Tradition. Peltz führt gleich drei Beispiele aus den 1820er Jahren an – alle ausgeführt von Christian Daniel Rauch. 

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 1/2022. 

Tipp: Die Victoria von Calvatone war eine Attraktion auf der Berliner Museumsinsel. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die berühmte Skulptur als verschollen. Vor ein paar Jahren ist sie in Russland wiederentdeckt worden.