06.04.2026

Kunststück

Der Hase in der Kunst

Die bekannteste Darstellung eines Hasen in der Kunst ist vermutlich "Der Feldhase" von Albrecht Dürer. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons
Die bekannteste Darstellung eines Hasen in der Kunst ist vermutlich "Der Feldhase" von Albrecht Dürer. Foto: Gemeinfrei, via: Wikimedia Commons

Ein kleines Tier mit großer Symbolkraft: Der Hase gehört zu den vielschichtigsten Bildmotiven der europäischen Kunstgeschichte. Von mittelalterlichen Kirchenfenstern über flämische Meisterwerke bis zu zeitgenössischen Installationen hat dieses Tier Generationen von Künstlerinnen und Künstlern beschäftigt. Besonders zur Osterzeit rückt es ins kollektive Bewusstsein – doch die Bedeutungstiefe seines Bildprogramms reicht weit über Schokoladenformen und Frühlingsdekorationen hinaus.

Wer ein altes Kirchengewölbe betrachtet und dabei auf drei ineinandergreifende Langohren stößt, die ein Dreieck formen, dem begegnet eines der seltsamsten und schönsten Rätsel der europäischen Ikonografie. Das sogenannte Dreihasenfenster – zu finden etwa in der Pfarrkirche St. Petri in Paderborn oder in zahlreichen süddeutschen und englischen Gotteshäusern des Mittelalters – zeigt drei Tiere, die trotz nur drei gemeinsam genutzter Ohren jeweils vollständig dargestellt erscheinen. Diese Darstellung ist kein spielerisches Ornament, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten Symbolsystems, das den kleinen Nager mit Begriffen wie Dreieinigkeit, Ewigkeit und göttlichem Kreislauf verknüpfte.


Zwischen Antike und Christentum: Die frühen Bedeutungsschichten

Lange bevor das Christentum Europa prägte, war das Tier ein Symbol der Fruchtbarkeit, Schnelligkeit und Verwandlung. In der griechisch-römischen Mythologie galt es als dem Liebesgott Eros beziehungsweise Amor zugehörig, erschien aber auch als Attribut der Aphrodite/Venus. In der Spätantike diente der Hase auch als Symbol für ein Weiterleben nach dem Tod.
Im Christentum nahm der Hase eine ambivalente Rolle ein, ursprünglich galt er im Alten Testament als unrein und u. a. Leviticus schreibt, dass es verboten sei, einen Hasen zu verspeisen. In christlichen Darstellungen kann der Hase verschiedene Rollen einnehmen: Er kann als Symbol der Wachsamkeit gelten und wurde daher oft als Zeichen der Katechumenen eingesetzt, aber er konnte auch Sinnbild für schwache, vom Teufel verfolgte Christen sein. Bisweilen kann er aber auch als Christussymbol gelesen werden, insbesondere ein weißer Hase verweist auf die Wiederauferstehung Christi, eine solche Darstellung ist beispielsweise in Giovanni Bellinis Die Auferstehung Jesu Christi zu finden. Ein laufender Hase ist dagegen oftmals negativ konnotiert, er symbolisiert jemanden, der seinen Begierden nachläuft – gleichzeitig kann er aber auch positiv gedeutet werden, da er Christus nachläuft, hier kommt es darauf an in welche Richtung der Hase läuft, wenn er bergauf läuft, ist er zumeist als positives Symbol zu deuten.
Hasen gelten zudem als Fruchtbarkeitssymbol und werden daher oftmals der Wollust (Luxuria) zugeordnet. Daher findet man sie auch häufig in Darstellungen des Sündenfalls, wie beispielsweise in Albrecht Dürers Kupferstich Adam und Eva. In Mariendarstellungen hingegen ist der Hase positiv zu deuten, u. a. dargestellt von Hans Baldung Grien in der Mariä Heimsuchung. Ein kleiner weißer Hase zu Füßen Marias oder eines Heiligen gilt zudem als Sinnbild des Sieges über die Fleischlichkeit.


Albrecht Dürer und die flämische Malerei: Das Tier als Meisterwerk

Die wohl berühmteste Einzeldarstellung eines Langohrers in der westlichen Kunstgeschichte stammt von Albrecht Dürer: Sein aquarelliertes Werk Junger Feldhase aus dem Jahr 1502, heute in der Albertina Wien, gilt als Inbegriff naturwissenschaftlicher Präzision und künstlerischer Meisterschaft zugleich. Dürer erfasst das Tier nicht als Symbol, sondern als Individuum – jedes Haar, jede Lichtreflexion im Auge ist mit bemerkenswerter Sorgfalt wiedergegeben. Gleichzeitig schwingt in dieser hyperrealistischen Darstellung die zeitgenössische Vorstellung mit, dass das genaue Studium der Natur den göttlichen Schöpfungsplan offenbart.
In der flämischen Stillleben- und Jagdmalerei des 17. Jahrhunderts begegnet der Hase hingegen als erlegtes Wild: Aufgehängt, in gedämpftem Licht präsentiert, wird er zum Gegenstand elegischer Vanitas-Betrachtungen. Künstler wie Frans Snyders oder Jan Weenix integrierten ihn in üppige Arrangements aus totem Federwild, Früchten und Jagdgerät. Das Tier steht hier für vergängliches Leben, für den Triumph des Menschen über die Natur – und zugleich, im memento mori-Kontext dieser Epoche, für die Unausweichlichkeit des Todes.


Der Osterhase: Volkskunde, Symbolik und ihre künstlerische Rezeption

Die Verbindung des Tieres mit dem Osterfest ist jünger als gemeinhin angenommen und keineswegs biblisch fundiert, wie viele meinen. Die früheste schriftliche Erwähnung des Osterhasen stammt aus dem 17. Jahrhundert, aus Georg Franck von Franckenaus Traktat De ovis paschalibus von 1682. Volkskunde und Religionsgeschichte diskutieren bis heute, ob es sich um eine Umdeutung vorchristlicher Frühlingsriten handelt oder um ein relativ spätes kulturelles Konstrukt. Unbestreitbar ist, dass das Motiv des Hasen im christlichen Frühlingskontext seit dem Spätmittelalter in der Bildenden Kunst präsent war. Die Verbindung von Auferstehung, Fruchtbarkeit und dem Erneuerungsversprechen des Frühlings machte ihn zum idealen Begleiter des höchsten christlichen Festes. Auf Votivbildern, in sakraler Goldschmiedekunst und in illustrierten Stundenbüchern erscheint das Tier immer wieder im Umfeld der Passions- und Osterdarstellungen, meist als diskrete Randnotiz, selten als Hauptmotiv. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert vollzog sich dann die Popularisierung: Der Osterhase wurde durch Postkarten, Lithografien und schließlich durch Werbegestaltung zur Massenbildikonografie. Zeitgenössische Künstler wie Jeff Koons haben diesen Kommerzialisierungsprozess selbst zum Thema gemacht – Koons‘ polierter Edelstahl-Rabbit von 1986, der 2019 für mehr als 91 Millionen Dollar versteigert wurde, ist zugleich Reflexion auf Kitsch, Warenwelt und Skulpturgeschichte.
Was dieses Tier zum so beständigen Motiv der Kunstgeschichte macht, ist seine semantische Flexibilität: Es kann Unschuld und List, Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit, Göttlichkeit und Banalität verkörpern – oft gleichzeitig. Von Dürers meisterlichem Aquarell über gotische Kirchenfenster bis zu Koons‘ glänzender Oberfläche durchzieht ein und dasselbe Tier die Jahrhunderte und spiegelt dabei stets die Werte, Ängste und Sehnsüchte seiner jeweiligen Entstehungszeit. Wer in diesen Frühlingstagen das Bild eines Hasen erblickt, schaut damit auf eine der längsten Bildtraditionen Europas – und auf ein Symbol, das noch lange nicht ausgedeutet ist.

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