Als 1903 die Wiener Werkstätte gegründet wurde, waren die beteiligten Künstler:innen von dem Gedanken getrieben, das Kunsthandwerk zu revolutionieren und alle Lebensbereiche mit Kunst und kunstvollem Design zu verschönern. Der Wunsch von einem Gesamtkunstwerk zerbrach jedoch bald. Die Wiener Werkstätte musste bereits 1932 ihren Bankrott erklären.
Die Wiener Werkstätte vereinte zentrale Künstlerpersönlichkeiten der Wiener Moderne wie Josef Hoffmann, Koloman Moser, Dagobert Peche und Carl Otto Czeschka. Ihr gemeinsames Anliegen war eine bewusste Gegenposition zur Industrialisierung und zur ästhetischen Vereinheitlichung der Massenproduktion. Ziel war es, Kunst und Alltag miteinander zu verschränken und durch handwerkliche Perfektion, innovative Gestaltung sowie die enge Verbindung von Kunsthandwerk und Design der maschinellen Uniformität entgegenzuwirken.
Die Gründung der Wiener Werkstätte erfolgte in einem von tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägten Wien der Jahrhundertwende. Als kulturelles Zentrum Europas war die Stadt zugleich von sozialen und ideologischen Gegensätzen gekennzeichnet: Konservatismus stand der aufkommenden Moderne ebenso gegenüber wie Hochadel und Bürgertum den unteren sozialen Schichten. Dieses Spannungsfeld begünstigte die Entwicklung neuer künstlerischer Positionen, die sich nicht nur in den bildenden Künsten, sondern auch in Literatur, Musik, Architektur sowie in wissenschaftlichen Disziplinen manifestierten.
Einen entscheidenden Impuls stellte die Gründung der Wiener Secession im Jahr 1897 dar, in deren Umfeld sich junge Künstler gegen Historismus und akademische Traditionen wandten. Die Vertreter:innen der Wiener Moderne verstanden Kunst als umfassendes Reformprojekt des Alltags und forderten die Gleichstellung von bildender und angewandter Kunst. In diesem Kontext gründeten Josef Hoffmann und Koloman Moser gemeinsam mit dem Industriellen Fritz Waerndorfer 1903 die Wiener Werkstätte, deren Ziel es war, „gutes einfaches (sic) Hausgerät“ zu schaffen. In ihrem Arbeitsprogramm betonten sie die Primärstellung der Gebrauchsfähigkeit, eine qualitätsvolle Materialbehandlung sowie die Ablehnung historistischer Stilkopien. Als wesentliches Vorbild diente das britische Arts-and-Crafts-Movement, insbesondere die von John Ruskin formulierte Rückbesinnung auf handwerkliche Produktionsweisen.
Neben ihren gestalterischen Prinzipien formulierte die Wiener Werkstätte auch vergleichsweise progressive arbeitsrechtliche Standards. Die Arbeitsordnung sah geregelte Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch sowie den Schutz von Frauen, Wöchnerinnen und Minderjährigen vor. Lehrlingen und jugendlichen Hilfsarbeiter:innen wurde zudem die Teilnahme an schulischer und beruflicher Weiterbildung ermöglicht. Damit verband die Wiener Werkstätte ästhetische Reformansprüche mit sozialer Verantwortung innerhalb der Produktionsbedingungen.
Quadrate und Ornamente
Die Wiener Werkstätte bot ein breites Spektrum an Produkten, die durch handwerkliche Präzision, ästhetische Raffinesse und die Verschmelzung von Funktion und Kunst geprägt waren. Die Palette reichte von Möbeln über Textilien, Schmuck und Kleidung bis hin zu grafischen Arbeiten, Keramik, Porzellan, Glas, Besteck, Tapeten, Postkarten und Accessoires wie Schachteln, Spiegel oder Notizbücher. Die Objekte wurden überwiegend als Unikate oder in Kleinserien hergestellt und konnten auf Wunsch die gesamte Lebensumgebung ihrer Kund:innen gestalten.
Möbel nahmen eine zentrale Stellung ein: Sie zeichneten sich durch klare Linien, geometrische Formen, hochwertige Materialien und Funktionalität aus, wobei jeder Entwerfer seine eigene Formensprache einbrachte. So bevorzugte Josef Hoffmann als Architekt geometrische Muster, während Koloman Moser, auch Maler und Grafiker, oft grafische Elemente integrierte.
Auch Schmuck und Mode gehörten von Anfang an zum Repertoire der Wiener Werkstätte und hatten zugleich repräsentative Funktion. Im Arbeitsprogramm betonten Hoffmann und Moser die Bedeutung von Materialität, wobei Halbedelsteine bevorzugt wurden. Schmuckstücke wurden meist als Unikate oder in Kleinserien gefertigt und spiegelten die individuelle Handschrift ihrer Entwerfer:innen wider. Besonders hervorzuheben sind die Entwürfe von Eduard Josef Wimmer-Wisgrill, dessen stilisierte pflanzliche Muster sowie die Verwendung von Gold, Platin, Diamanten, Perlen und anderen Edelsteinen von den üblichen Vorgaben der Wiener Werkstätte abwichen, jedoch bei der Kundschaft auf große Resonanz stießen. Auch Dagobert Peche, seit 1914 für das Unternehmen tätig, trug maßgeblich zur Gestaltung der Schmuck- und Modekollektionen bei.
Schwierigkeiten im Betrieb
Die Wiener Werkstätte sah sich während ihres Bestehens dauerhaft mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert. Fritz Waerndorfer, Mitbegründer und lange Zeit wichtigster Förderer des Unternehmens, investierte sein privates Vermögen, was 1913 zu seinem persönlichen Ruin führte. Nach Druck seiner Familie emigrierte er 1914 mit Frau und Sohn in die USA. Das Unternehmen konnte durch die Unterstützung einflussreicher Mäzene wie Otto Primavesi und Moritz Gallia kurzfristig stabilisiert werden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte jedoch neue Herausforderungen: viele männliche Mitarbeiter wurden eingezogen, und die Materialbeschaffung wurde zunehmend erschwert. Dennoch entstanden in dieser Zeit zahlreiche Entwürfe von Künstlerinnen wie Vally Wieselthier, Maria Likarz-Strauss, Ena Rottenberg und Anny Schröder-Ehrenfest.
Trotz dieser Schwierigkeiten expandierte die Wiener Werkstätte zeitweise und eröffnete Filialen in Zürich, Karlsbad, Marienbad sowie ein Verkaufsbüro in New York. Bedeutende Aufträge, darunter die Ausgestaltung des Palais Stoclet in Brüssel durch Josef Hoffmann und Gustav Klimt sowie die Einrichtung des Sanatoriums Purkersdorf für Victor Zuckerkandl, unterstrichen den Anspruch der Werkstätte, Kunst und Alltag zu verschmelzen.
Diese Projekte konnten die wirtschaftlichen Probleme jedoch nicht dauerhaft lösen. Die internationale Expansion scheiterte, und die Weltwirtschaftskrise der 1920er-Jahre führte zum Verlust zahlreicher Kund:innen. 1932 wurde das Unternehmen schließlich aufgelöst. Das Vermächtnis der Wiener Werkstätte liegt jedoch in ihrer nachhaltigen Prägung des Designs, die unter anderem das Art Déco und das Bauhaus wesentlich beeinflusste.
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