Das Bauen im Bestand gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Auflagen der Denkmalpflege stellen die Architektinnen und Architekten allerdings oft vor Herausforderungen. Denkmalschutz verhandele Vergangenheit und Zukunft im Jetzt, wie der Architekt Thomas Will einmal formulierte. Doch wieviel Zukunft ist möglich im Spannungsfeld zwischen Bewahren und Nutzen?
„Onkel Toms Hütte“
Als Winfried Brenne begann, sich für den Erhalt der modernen Architektur zu interessieren, befand sich der Denkmalschutz noch in den Kinderschuhen. Seitdem ist knapp ein halbes Jahrhundert vergangen, in dem der Berliner Architekt immer wieder mit den Auflagen der Denkmalpflege gerungen hat. Brenne zählt zu den großen Namen in diesem Bereich. Gemeinsam mit Franz Jaschke und Fabian Brenne hat er seit 1990 zahlreiche denkmalgerechte Ikonen der Moderne und Nachkriegsmoderne saniert, darunter das Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius in Dessau, die Akademie der Künste von Werner Düttmann in Berlin und die ehemalige ADGB-Bundesschule von Hannes Meyer in Bernau. Es war eine Ausgabe der Zeitschrift des Deutschen Werkbundes, „Werk und Zeit“, die Brennes Interesse am Thema Bauen im Bestand 1977 erweckte. Deren Schwerpunktthema war die von Bruno Taut erbaute Berliner Siedlung „Onkel Toms Hütte“. Genau dort bewohnte sein Architektenkollege Helge Pitz, mit dem er später ein gemeinsames Büro unterhielt, ein Reihenhaus. Obgleich der Fokus des Magazins auf dem sozialgeschichtlichen Hintergrund der Siedlung lag, wurde den beiden Architekten rasch klar, welche baukulturelle Bedeutung und welche Qualität der Siedlung „Onkel Toms Hütte“ sprichwörtlich innewohnte.
Onkel Toms Hütte: Fatale Eingriffe
Auch wenn davon zwischenzeitlich wenig zu erkennen war: Fensterflächen mit Isolierverglasung hatten die kleinteiligen Doppelkastenfenster ersetzt, während Aluminiumtüren an die Stelle der ursprünglichen hölzernen Türen traten. Ein grundlegendes Problem bestand Brenne zufolge darin, dass die damaligen neuen Dispersionsfarbanstriche auf dem vorhandenen Glattputz zu bauphysikalischen Schäden führten. Die Eigentümerinnen und Eigentümer, darunter vielen Privatpersonen, hatten die Häuser dann mit einer „mausgrauen“ Dispersionsfarbe gestrichen.
Die Idee, eine relativ junge Siedlung – erbaut zwischen 1926 und 1931 – denkmalpflegerisch zu betrachten, war damals noch ungewohnt. Erst das europäische Denkmalschutzjahr 1975, das den Beginn „moderner“ Denkmalpflege in Westdeutschland markierte, verlieht der Thematik Aufschwung. Ab sofort wurde in Westdeutschland konsequent ein Denkmalbegriff angewandt, der das Denkmal als Geschichtszeugnis versteht und dabei auch die Artefakte der Industriekultur und Alltagsgeschichte aus dem 19. und 20. Jahrhundert einbezog.
Zudem setzte sich eine ganzheitlichere Betrachtungsweise der überlieferten gebauten Umwelt durch: Der Ensembleschutz bekam einen deutlich höheren Stellenwert und die Stadtplanung begann, denkmalpflegerische Ziele zu integrieren.
Um mehr über die Siedlung Onkel Toms Hütte zu erfahren, bat Brenne das Landesdenkmalamt um Akteneinsicht. In Zehlendorf händigte man ihm den Schlüssel für die Aktenkammer aus. „Heute unvorstellbar“, konstatiert Brenne, „In Berlin hatte der Denkmalschutz Mitte der 1970er-Jahre noch keine Grundlagen, die heutige Methodik entstand erst langsam.“ Ein Denkmalschutzgesetz erhielt die Stadt erst 1978.
Bunte Moderne
Brennes Initiative sollte sich auszahlen: „Ich bin durch die Aktenreihen gegangen und fand dabei einen Brief von Bruno Taut an die Beaufsichtigungs- und Baupolizei, der auch einen Farbenplan enthielt“. Den Bauakten entnahm der Architekt, dass die Siedlungshäuser ursprünglich mit bunten Mineralanstrichen der Firma Keim gefasst waren, bestehend aus Erdpigmenten. „Das war eine große Überraschung“, betont Brenne. „Alle redeten von der weißen Moderne, und dann kamen wir und stellten fest, dass die Waldsiedlung polychrom war.“
Die damalige Architekturwerkstatt Pitz-Brenne machte sich an die Arbeit, eine umfangreiche Bestandaufnahme der von Bruno Taut entworfenen Berliner Siedlungen der Moderne zu machen, die später als Grundlage zur denkmalgerechten Instandsetzung diente. Hierzu sammelten die Architekten tausende Materialproben.
Nach der Wende: Denkmalpflege unter Bedrängnis
Nach der Wiedervereinigung habe sich auch die Berliner Denkmalpflege neu aufstellen müssen, berichtet Brenne. „Es war eine sehr wilde Zeit“, erinnert er sich. „Die Denkmalpflege wurde nach der Wende extrem bedrängt.“
Sein Büro hatte sich 1998 gemeinsam mit der Stuttgarter Firma Transsolar Energietechnik auf einen Wettbewerb des Bundes zum Umbau des barocken Zeughauses des Deutschen Historischen Museums in Berlin beworben. Ein erster Entwurf mit abgehängten Decken und aufgeständerten Fußböden für die neue Gebäudetechnik hätte den Charakter des Gebäudeinneren so grundlegend überformt, dass die Denkmalpflege ihn verwarf. Demgegenüber sah der Vorschlag von Brenne Architekten ein innovatives, dezentrales Klimasystem vor, das die tiefen Fensternischen des Hauses nutzte. Nach einjähriger Testphase erfolgte die denkmalgerechte Sanierung, die der damalige Landeskonservator Prof. Dr. Haspel als „Kunst des kleinstmögli- chen Eingriffs“ pries. Für Brenne bringt diese Formulierung auf den Punkt, was heute beim Bauen im Bestand zu tun ist: „Mit möglichst wenig baulichem Aufwand – und zwar in jeder Hinsicht – den Gebäudebestand an heutige Nutzungen anpassen.“
Ringen um Kompromisse
Nicht immer seien Architektinnen und Architekten, Bauherrinnen und Bauherren und Denkmalpflegende sich auf Anhieb einig: „Es gibt auch Fälle, die im Detail zu Diskussionen führen, dann muss man Wege finden, um einen Kompromiss zu er- reichen, der die Gesamtidee rettet“. Ihm ist das offensichtlich sehr oft gelungen: Für sein nimmermüdes Ringen um solche Kompromisse wurde Brenne 2020 vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz, Karl-Friedrich-Schinkel-Ring, geehrt.
Das Wichtigste sei, vom Gebäude zu lernen, es zu verstehen und zu dokumentieren, resümiert Brenne: „Ohne eine inhaltliche, strukturierte Bestandsaufnahme kann man keine nach-haltige Planung betreiben.“ Ausgerechnet an der Bestandaufnahme werde jedoch zu oft gespart. „Ist diese nicht vorhanden, gerät man möglicherweise während des Bauens in einen Konflikt“. Da die Denkmalpflege deutlich höhere Ansprüche führe als früher, könne das zu einem kostenmäßigen Dilemma führen. „Das Bauen im Bestand braucht eine ausführliche ‚Spurensuche‘ und eine möglichst objektive Auseinandersetzung mit der DNA des Gebäudes“, betont Brenne. Schließlich verfüge jedes Gebäude über seine spezifische Konstruktion mit ihren materiellen und handwerklichen oder produktionsbedingten Eigenheiten. Dazu kämen weitere Spezifika wie Raumgefüge, Nutzungs- und Funktionsarten oder Oberflächen.
Mit Low Tech in die Zukunft
Aufgrund der Klimaeffizienz und immer weiter steigenden Kosten im Bauwesen bemüht sich der Architekt heute um Low Tech-Lösungen und Suffizienz. So etwa beim jüngst gemeinsam mit KRP Architekten gewonnenem Wettbewerb „das Museum der Zukunft“ für die RWTH Aachen.
Im starken Gegensatz zur prachtvollen, wenn auch maroden, Fassade steht dort die innere kleinteilige Struktur. Das Ziel des Wettbewerbsteams war es, die Raumqualität wiederzugewinnen, indem die Eingriffe minimiert werden. Um die historischen Fenster zu erhalten, soll innen eine zweite Ebene – Lehmbausteine mit Fenstern wie bei einer Vitrine – eingesetzt werden. Lehm ist dafür ein idealer bauphysikalisch regulierender Baustoff, denn er nimmt die Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Das Ergebnis: geringe Kosten in der Bauunterhaltung, gutes Raumklima, wenig Technik, keine Klimaanlage.
Der Architekt plädiert für das Vernetzen der Wissensstände in einer Datenbank, die hilft, ein Gebäude vorab zu bewerten. „So weiß der Bauherr oder Handwerker etwa, welche Bausubstanzen er vorfindet und wie diese zu pflegen sind“. Mehr noch: Die Denkmalpflege müsse aus dem Nischendasein heraus, fordert er: „Sie hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel Wissen über den Bestand und den Lebenszyklus der Gebäude zusammengetragen, das jetzt für die Reform des Bauwesens und die Bauwende wichtige Ansatzpunkte bereithält.“
Dies alles vor dem Hintergrund, dass sich seit 1970 die Menge der Denkmale in Deutschland versiebzigfacht hat, Tendenz steigend. Doch angesichts der akuten Baukrise geraten Bauherrinnen und Bauherren und Architektinnen und Architekten zunehmend in die Zwickmühle, eine Balance zwischen denkmalpflegerischen Mehraufwendungen und wuchernden, verteuernden Baunormen zu finden.
Erdrückende Normen – explodierende Kosten
„Wenn man sieht, wie viel Atem – manche Bauherren brauchen im Vergleich zu ‚Neubauern‘ oder ‚Abreißern‘, sollte mehr Unterstützung von Staatsseite kommen“, fordert daher der Architekt Achim Mayer aus Mühlacker in einem Schreiben an die Deutsche Architektenzeitung. Diese hatte Architekturschaffende nach ihren Erfahrungen mit dem Denkmalschutz befragt. „Die finanzielle Last wird durch die Bauzeitlänge manchmal sehr drückend und ich frage mich, wie das manche stemmen“. Von negativen Erfahrungen berichtete auch der Hamburger Architekt Frank Lutze, der das dortige Denkmalamt oft „nicht als Partner, sondern als Gegner“ erlebte: „Eine ausschließlich an Erhalt oder Wiederherstellung des Originalzustands orientierte Definition von Denkmalschutz führt hier zu Anforderungen, die eine wirtschaftlich tragfähige Nutzung und Entwicklung denkmalgeschützter Bauwerke oftmals unmöglich machen“, berichtet er. So werde manches Denkmal vielleicht auch dem Verfall preisgegeben, mahnt Lutze.
„Was ist, wenn die in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat viel gelobten Abwägungsprozesse und kleinteiligen Entscheidungen einer Ideologie weichen müssen und Denkmale nicht nach ihren Eigenheiten, sondern in radikale Kategorien eingestuft werden?“, fragt Marc Jordi, der gemeinsam mit Susanne Keller in Berlin ein Architekturbüro betreibt. „Wir haben dies selbst am Beispiel der mittelalterlichen Bischofskirche St. Marien zu Berlin erfahren, die über ihre 700 Jahre Baugeschichte viele An-Umbauten, Bischöfe, Pfarrer und Baumeister, erlebt hat, jedoch, als Denkmal von besonderem Rang, gemäß Landesdenkmalamt nun keine äußere Veränderung mehr erfahren darf,“ berichtet er.
So werde die Marienkirche in der gleichen Kategorie wie etwa die in den späten 60er Jahren – also in einem kleinen Zeitfenster – erbaute und auf nur einen Urheber zurückzuführende Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe gehandelt. „Eine Anpassung an das baulich Notwendige einer Kirche und deren Gemeinde wird somit verhindert“, beklagt Jordi.
„Geht hier also der Denkmalschutz zu weit, in dem er einen Zustand einfriert und keinen Spielraum mehr zulässt oder wird das Denkmal vor kurzfristigen Interessen ihrer Nutzer geschützt und somit gesellschaftliche Werte erhalten?“ hinterfragt auch Susanne Keller derart starre Auslegungen des Denkmalschutzes. Ein differenzierterer Blick seitens der Denkmalpflege täte Not, findet die Architektin.
Langfristig wirtschaftlich rentabel
Dabei sind Jordi und Keller ausgewiesene Verfechterinnen und Verfechter des Denkmalschutzes: „Ohne ihn wäre das baulich kulturelle Erbe in vielen Fällen schon verschwunden und viel Feines, Schutzbedürftiges hinweggerafft.“ Auch ökonomische Aspekte sprächen für Erhalt und Nutzung historischer Substanz: „Die unter Schutz gestellten Häuser, Straßenzüge, Dachlandschaften, Altstädte, Industrieareale und Dorfkerne sind aufgrund ihrer bewahrten Schön- oder Eigenheit langfristig wirtschaftlich die Gewinner.“
Den Konflikt zwischen oft langfristigen gesellschaftlichen Wertevorstellungen und kurzfristigen privaten Interessen auszuhalten und zu vermitteln, ist für Keller und Jordi ein Teil der kulturellen Aufgabe von Architektinnen und Architekten. „Wir müssen nachverhandeln und den Denkmalschutz pragmatischer gestalten“, postuliert auch Winfried Brenne. Der Schutz der Baukultur sei langfristig nur tragbar, wenn dieser mit den Belangen künftiger Nutzung verträglich unter einen Hut gebracht werden.
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