„Das stille Restaurieren fügt sich gut in den klösterlichen Alltag“

Äbtissin Dorothea Flandera studierte an der Universität in Marburg Mathematik und Physik und trat 1979 in die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard ein. Viele Jahre leitete sie dort die klostereigene Restaurierungswerkstatt für kirchliche Archivalien

Das restauratorische Wissen hat sich Äbtissin Dorothea durch Weiterbildungen, Tagungen und den regelmäßigen Austausch mit Experten angeeignet. Foto: Abtei St. Hildegard
Das restauratorische Wissen hat sich Äbtissin Dorothea durch Weiterbildungen, Tagungen und den regelmäßigen Austausch mit Experten angeeignet. Foto: Abtei St. Hildegard

Eigentlich stehen im Benediktinerinnenkloster St. Hildegard in Eibingen am Rhein gerade Exerzitien an. Es ist eine Zeit der Besinnung für Schwester Dorothea Flandera: Sie betet in der Gemeinschaft ihrer 44 Schwestern und spricht vor allem im Stillen zu Gott. Doch von ihrer Aufgabe als Restaurierungsleiterin der klostereigenen Werkstatt erzählt sie gern, auch während dieser eigentlich von Ruhe und Muße geprägten Phase. 

2015 haben die sieben Mitarbeiterinnen des Restaurierungsateliers von St. Hildegard, darunter Schwester Dorothea, die Arbeiten an dem koreanischen Nachdruck einer chinesischen Weltkarte abgeschlossen. Es war das bisher größte und aufwendigste Projekt der Schwestern und beschäftigte sie über Jahre hinweg. Täglich sind die Frauen mit der Restaurierung kirchlicher Archivalien befasst, die von Bistümern mit eigenem Restaurierungsetat aus ganz Deutschland an die Klosterschwestern herangetragen werden: Manuskripte, Matrikelbücher, Urkunden und Bücher, befallen mit typischen Krankheiten wie Tintenfraß oder Schimmel. 

Schwester Dorothea, die eigentlich Mathematik und Physik studierte, kam 1979 in die Abtei der Klostergründerin Hildegard von Bingen. „Die Frage nach meiner Zukunft hat sich erst während meines Diploms so richtig gestellt. Ich spürte einfach, dass mein Weg ein anderer sein sollte“, erklärt sie. Bei ihrem Eintritt in die Abtei gab es die Restaurierungswerkstatt seit etwa vier Jahren. Fortan sollte dies der Ort ihrer täglichen Arbeit sein. Um fünf Uhr dreißig beginnen die Laudes, das Morgenlob. Um halb acht betet sie in der Morgenmesse. Ab neun widmet sie sich den Objekten in der Werkstatt. „Das stille Restaurieren fügt sich gut in den klösterlichen Alltag. Es ist ein schönes Gefühl, solch alte Dinge zu sehen“, sagt sie. Mittags treffen sich die Schwestern erneut zum Gebet und zum gemeinsamen Mahl. Ab drei arbeiten sie weiter, bis sie um halb sechs die Vesper beten und zu Abend essen.

Das restauratorische Wissen hat sich Schwester Dorothea durch Weiterbildungen, Tagungen und den regelmäßigen Austausch mit Experten angeeignet. Sie war in Graz am Steiermärkischen Landesarchiv, für einige Wochen in Wolfenbüttel und hatte viel Kontakt zu Restauratoren. „Man muss ja up to date bleiben“, sagt sie. Ihre Stimme ist sanft und strahlt eine Warmherzigkeit aus, die – so stellt man es sich vor – die Harmonie des klösterlichen Miteinanders widerspiegelt. Man kann sich gut vorstellen, mit welch Bedacht sie die antiquarischen Pergamente und das fragile Papier in ihrer Werkstatt behandelt. Inzwischen fehlt ihr jedoch die Zeit dazu, denn seit August 2016 ist sie die neue Äbtissin des Klosters. Mehrmals kümmerte sie sich auch um die Studenten von den Fachhochschulen für Konservierung und Restaurierung, die Praxiserfahrung in der Werkstatt suchten. Für die Restauratorinnen im Kloster sind die Praktika der Studenten wichtig. So erfahren sie, was und wie die Hochschulen lehren. Zwei der jetzigen Mitarbeiterinnen seien auf diese Weise ins Kloster gekommen – und geblieben.