Das Steinhauser-Anwesen in Utting zeigt vorbildlichen Umgang mit dem Bestand

Gerade ortsbildprägende historische Bauten weisen eine identitätsstiftende Qualität auf und können noch Unentschlossenen als Vorbild dienen. Bestand sollte wo immer möglich erhalten und an vorhandene Reststrukturen anknüpfen. Ein gelungenes Beispiel ist die Restaurierung und Sanierung des Steinhauser-Anwesens im bayerischen Utting am Ammersee

Wir kennen das Phänomen aus China: Gesichts- und geschichtslose Satellitenstädte, die den Einwohnern keinerlei Identifikationsangebote bieten und alte, gewachsene Städte, die innerhalb von fünzig Jahren komplett ihre Gestalt verändert haben, so dass alte Menschen die Stadt ihrer Geburt nicht mehr wiedererkennen. In Europa ist das zum Glück anders. Man bemüht sich zumeist um den Erhalt historischer Bausubstanz, aber auch hier stehen nur allzu oft betagte Immobilien der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung im Wege. Außerdem kann eine Sanierung finanziell zum Fass ohne Boden werden. Deshalb erscheint nicht selten der Abriss am Sinnvollsten. Aber alte Häuser haben Charme, geben einem Ort einen spezifischen Charakter und spiegeln die Ortsgeschichte wider. Auch bei nicht denkmalgeschützten Gebäuden sollte eine Restaurierung daher immer dem Neubau vorgezogen werden. Allerdings kommt man um einen Umbau zur Anpassung an moderne Lebensverhältnisse oft nicht herum. 

Ein gelungenes Beispiel ist die Sanierung des Steinhauser-Anwesens in Utting am Ammersee

Wie aber mit den schwer kalkulierbaren Kosten umgehen, insbesondre dann, wenn das Gebäude bereits in einem ziemlich bedenklichen baulichen Zustand ist? Gerade ortsbildprägende historische Bauten weisen eine identitätsstiftende Qualität auf und können noch unentschlossenen Nachbarn als Vorbild dienen. Wir müssen also Bestand wo immer möglich erhalten und an vorhandene Reststrukturen anknüpfen. Ein gelungenes Beispiel ist hier die Sanierung des Steinhauser-Anwesens in Utting am Ammersee. Der Gebäudekomplex hat eine bewegte Vergangenheit, berichtet Bauherrin und Architektin Bettina Sunder-Plassmann: „1885 kaufte ein Herr Summer aus Inning einem Uttinger Bauern eine Wiese ab. Weil er auf diesem Grundstück eine Gastwirtschaft plante, sorgte er dafür, dass der neue Bahnhof direkt angrenzend gebaut wurde. Die Straße vom Dorf zum Bahnhof verlief durch Felder, also griff der damalige Bürgermeister zu einem ungewöhnlichen Mittel: Um eine Landmarke zu setzen und die Bebauung entlang der Straße anzustoßen, lieh er sich Geld vom örtlichen Metzger und errichtete 1899 ein prächtiges Haus mit Türmchen. Leider konnte der Bürgermeister seine Schulden nicht zurückzahlen und musste den Bau seinem Gläubiger überschreiben. Bedauerlicherweise waren die im weiteren Lauf der Zeit durchgeführten An- und Umbauten nicht immer sachgemäß. 1934 wurde das Gebäude um einen flachen Anbau für die örtliche Bankfiliale ergänzt, zwanzig Jahre später entstand auf der Ostseite ein weiteres Haus mit Ladenfläche im Erdgeschoss. Zur selben Zeit wurde auch der markante Turm am Hauptgebäude rückgebaut. Später ersetzte man die farbig lackierten Holzsprossenfenster durch einflügelige Fenster im Mahagoni-Look der 1970er-Jahre, entfernte die Fensterläden, mauerte Öffnungen zu und riss Balkone und Gauben ab. Zuletzt stand der Gebäudekomplex mehr als zwanzig Jahre leer, verfiel zusehends und wurde schließlich Uttings Schandfleck. 

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Die Rekonstruktion der Balkone und des Runderkers mitsamt dem darauf thronenden Turm war unverzichtbar

Zahlreiche Kaufangebote vonseiten der Gemeinde und anderer Interessenten – darunter solche, die fünfstöckige Neubauten in Maximalausnutzung planten – wurden von den Eigentümern abgelehnt. Bis endlich 2017 das Architektenpaar Bettina und Benedikt Sunder-Plassmann den Zuschlag bekam für ihr Vorhaben, das Anwesen zu erhalten, umfassend zu sanieren und im Erdgeschoss ihr Architekturbüro einzurichten. „Für uns stand von Anfang an fest, dass wir die stattliche Gestalt des Gebäudes aus dem Jugendstil wiederherstellen wollten“, erklärt Benedikt Sunder-Plassmann. Die Rekonstruktion der Balkone und des Runderkers mitsamt dem darauf thronenden Turm war für die Planer, Bauherren, Eigentümer und Nutzer in Personalunion unverzichtbar. Sie orientierten sich dabei an alten Fotos und Plänen, nahmen sich aber auch die Freiheit, Gestalt- und Stilmittel in eine moderne Formensprache zu übertragen. „Weiterbauen“ nennt man diesen Umgang mit dem Bestand,  der das Vorgefundene respektiert und behutsam ergänzt mit neuen Elementen, Strukturen und Sichtweisen. Auch im Gebäudeinnern waren einige Eingriffe erforderlich. Früher lebten die Menschen einfacher, in nur einem Zimmer mit Waschbecken und Gemeinschaftstoilette. Es galt also, die Grundrisse den heutigen Bedürfnissen anzupassen. 

Ein besonderes gestalterisches Element ist der umlaufende, farblich abgesetzte Sockel mit einem Kammputz

In den oberen Stockwerken entstanden außer einem Co-Working-Space vier reguläre Wohnungen und eine Ferienwohnung. Am rückwärtigen Hausteil des Steinhauser-Anwesens wurde angebaut, hier befinden sich nun der Eingangsbereich und die Bäder. Drei neue Spitzgauben auf der Südseite bringen Licht in die Räume im Dachgeschoss und gewähren aus einer der Öffnungen sogar exklusiven Seeblick. Zusätzlich zu den alten Balken, in die das Jahr der Erbauung eingraviert ist, wurden aus statischen Gründen zwei Stahlträger eingezogen – ein architektonisch reizvoller Dialog zwischen Alt und Neu. Im Erdgeschoss des Haupthauses und des einstöckigen Mittelgebäudes ist neben einem Möbelladen das auf Altbausanierung spezialisierte Architekturbüro untergebracht. Man will mit der Sanierung auch ein Signal an andere Bauherren und Bauherrinnen senden, dass Bauen mit Bestand durchaus lohnenswert ist. Außerdem ist es ein Beitrag zu echter Nachhaltigkeit. Die Fassade des Steinhauser-Anwesens wurde mit acht Zentimeter starken Hanf- und Holzfaserplatten gedämmt, armiert und anschließend mit NHL-Kalkputz-Fein von Keim verputzt. Ein besonderes gestalterisches Element ist der umlaufende, farblich abgesetzte Sockel mit einem für den Jugendstil typischen groben Kammputz, der die drei unterschiedlichen Gebäude optisch zusammenfasst. Die gesamte Fassade bekam einen Anstrich in altweiß (Wandflächen), sandstein (Sockel und Gesimse) und graugrün (Fensterfaschen). Die neuen, dreifach verglasten Sprossenfenster aus Eukalyptusholz orientieren sich an den alten Fenstern aus den 1930er-Jahren, ein Rundbogenfenster aus der Erbauungszeit von 1899 konnte erhalten und ertüchtigt werden, ein weiteres aus den 1930er-Jahren wurde zum Kastenfenster umgebaut. Auch im Innern setzte man auf Qualität und angemessene, baubiologische Sanierung. In vielen Räumen entdeckte man unter Farb- und Tapetenschichten erhaltenswerte Wand- und Deckenmalereien aus der Erbauungszeit. 

Ein Stück bauliche Identität für den Ort

Fazit: Mit der Revitalisierung des Areals setzen die Bauherren ein deutliches Zeichen ihrer architektonischen Haltung und geben zugleich dem Ort ein Stück bauliche Identität zurück. Das einst heruntergekommene Steinhauser-Anwesen hat sich zu einem echten Schmuckstück des Dorfes gemausert. Ein hässliches Entlein hat sich dank der gelungenen Restaurierung wieder in einen stolzen Schwan verwandelt. 

Lesetipp: Architekt:innen versuchen meist,fertige Häuser,also in sich schlüssige Baukunstwerke für die Ewigkeit zu erschaffen. Aber hält dieser Anspruch der Realität stand? Sollte das überhaupt der Anspruch sein? Inspiriert durch Referenzen aus der Baugeschichte, der Kunst und der Anthropologie hat das junge Stuttgarter Atelier Kaiser Shen verschiedene Thesen entwickelt und diese anhand von eigenen Projekten überprüft. Ab kommenden Mittwoch werden jene in einer Ausstellung in der architekturgalerie am weißenhof in Stuttgart präsentiert (bis 3. Oktober 2022).