Das Lederalphabet

Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach ist um eine dauerhafte Ausstellungsattraktion reicher. In einem multimedialen Projektraum wird unter dem Motto „Das ist Leder! Von A bis Z“ nicht nur Wissenswertes rund um das Material, seine Vielfalt und Bearbeitung vermittelt, sondern auch ein Dialog mit Exponaten der Museumsammlung geschaffen

Ein Ausschnitt aus der Medienstation: Wissenswertes zum Material Haifischleder. Foto: DLM, Meso Digital Interiors GmbH
Ein Ausschnitt aus der Medienstation: Wissenswertes zum Material Haifischleder. Foto: DLM, Meso Digital Interiors GmbH

Es ist, abgesehen von Holz und Stein, das wohl älteste Material, das sich der Mensch zunutze gemacht hat: Leder. Und doch wissen wir erstaunlich wenig darüber – allenfalls haben wir mitbekommen, dass es – vor allem durch Gifte freisetzende Produktionsmethoden in Fernost – ein wenig in Verruf geraten ist. Mit dieser Unkenntnis und auch mit Vorurteilen, die einer ganzen Branche entgegengebracht werden, will ein neuer Teil der Dauerausstellung im Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main in Form eines Projektraumes ein wenig aufräumen.

„Das ist Leder! Von A bis Z“ präsentiert an vielschichtig aufgebauten Medientischen, in Objektstationen und Kurzfilmen viel Wissenswertes über das Material, das die Menschheit schon so lange begleitet. Bei der Ausgestaltung der Schau kam auch die reichhaltige Sammlung des über hundert Jahre alten Hauses zum Tragen. Sie umfasst neben kostbaren Objekten der Angewandten Kunst sowie ethnologischen Stücken aus Amerika, Afrika, Asien und den Polarregionen auch eine Schuhsammlung mit über 15.000 Exponaten. 

Absoluter Höhepunkt der aktuellen Ausstellung ist das abwechslungsreiche Lederalphabet, das quer durch die historischen Epochen und aus allen Kontinenten Objekte in geläufigen, aber auch kaum bekannten Lederarten vorstellt: Feine Elchleder-Handschuhe aus dem England des 17. Jahrhunderts zum Beispiel. Eine auffällig gemusterte Unterarmtasche, die in den 60-er Jahren aus Bindenwaranleder gefertigt wurde. Rentierfell-Kinderstiefelchen der Iñupiat aus Alaska. Eine mit Antilopenpergament überzogene Kopfaufsatzmaske aus dem Süden Nigerias. Oder ein edles Necessaire aus smaragdgrün gefärbtem Haifischleder, das man im frühen 19. Jahrhundert in Europa verwendete. Die Präsentation gerade historischer Exponate in länger laufenden Ausstellungen ist aus konservatorischer Sicht durchaus heikel, da Leder sehr lichtempfindlich ist; gelöst wurde diese Herausforderung durch den Einsatz von schonendem LED-Licht. 

Der wahre Clou liegt jedoch nicht nur in der Präsentation dieser raren und überraschenden Stücke, sondern auch darin, dass hier den haptischen Besonderheiten des Materials Leder ebenfalls Rechnung getragen wurde. Jedes einzelne Objekt kann nicht nur betrachtet werden; an jeder Vitrine ist außen auch eine Materialprobe angebracht, an der die Besucher erspüren können, wie sich die jeweilige Lederart anfühlt. Wie dick Elefantenleder wirklich ist, weiß man erst, wenn man die Finger in das feste Material versenkt. Rochenhaut ist samtig glatt, Lachsleder hauchdünn und mit einer feinen, schuppigen Struktur versehen. Und getrockneter Seehunddarm, aus dem die Inuit wind- und wasserabweisende Parkas fertigten, fühlt sich fast an wie Butterbrotpapier.

Lesen Sie weiter in der RESTAURO 5/2019, www.restauro.de/shop