Sammeln und Erhalten von Performance-Kunst

 

Vom 9. bis 11. Juni 2016 fand in Wolfsburg das internationale Symposium „Collecting and Conserving Performance Art” statt. Die Fachgruppe „Moderne Kunst – Kulturgut der Moderne” des Verbands der Restauratoren hat Kuratoren, Kunsthistoriker, Tanzwissenschaftler, Restauratoren, Künstler und Archivare zusammengeführt, um das aktuelle Thema des Sammelns, Erhaltens und Ausstellens von Live-Performancekunst und ihren Relikten zu diskutieren.

Ein männlicher Performer sitzt auf einem Stuhl hinter einem kleinen, quadratischen Tisch und beschreibt werbend den Gegenstand in seiner Hand: ein leeres Visitenkarten-Etui, das er den Museumsbesuchern, die seinen Tisch umringen, zum Tausch anbietet. Eine Besucherin tritt aus der Menge, zieht ein Foto aus ihrer Tasche und bietet dieses als Tauschgegenstand an. Das Foto zeigt eine Blume aus ihrem Garten. Der Performer ist mit dem Tauscheinsatz zufrieden, nimmt das Foto an sich und reicht der Besucherin im Gegenzug das Etui. Dann beginnt der Performer, das Foto anzupreisen und fordert neue Gebote vom Publikum. Dieser fortwährende Tauschhandel, ausgeführt von mehreren Performern im Schichtbetrieb, findet ununterbrochen zu Museumsöffnungszeiten und über die monatelange Dauer einer Ausstellung statt.

Bei der beschriebenen Live-Performance handelt es sich um das Kunstwerk „Swap” (engl. „Tausch”) des Künstlers Roman Ondák aus dem Jahre 2011. Das Werk befindet sich in der Sammlung des New Yorker Guggenheim Museums und wurde anlässlich des MKKM-Symposiums als Leihgabe am Kunstmuseum Wolfsburg exklusiv für die Tagungsteilnehmer zur Aufführung gebracht. Als geladener Podiumsteilnehmer befand sich auch Ondák selbst unter den Zuschauern seiner eigenen Performance und vertrat am Symposium eine neue Generation von Künstlern, die sogenannte „delegierte Performances” erzeugen: Live-Performancekunst, die nicht vom Künstler selbst, sondern von gezielt rekrutierten Performern nach genauen Anweisungen ausgeführt wird. Diese künstlerische Praxis, die ein vom Künstler abgekoppeltes (Über-)Leben des ephemeren Werks ermöglicht, hat einen neuen Trend in der internationalen Museums- und Sammlungswelt ausgelöst. Immer häufiger werden Live-Performances als Kunstwerke angekauft und erheben damit neue Ansprüche an ihre nachhaltige und integre Überlieferung.

Wie konserviert man Vergängliches?

Der neue Ankaufstrend stellt Sammlungsbeauftragte sowie auch Künstler vor neue Aufgaben: Wie lässt sich eine zeit- und ortsgebundene, ephemere Live-Performance in ein dauerhaftes Kunstwerk übersetzen? Wie kann die Identität eines Kunstwerks zukünftig werkgerecht tradiert werden? Welchen Status haben dabei Performance-Relikte und Dokumentationen, wie Film und Fotografie? Welche Informationen und physischen Komponenten eines Kunstwerks sollen in eine Sammlung aufgenommen werden? Wie verhält es sich mit den Urheberrechten, den Rechten der sammelnden Institutionen und den Rechten der Künstler? Und schließlich: Wie lassen sich die Risiken für den Erhalt eines Performance-Kunstwerks im Vorfeld identifizieren, dokumentieren und bewerten?

Symposium zur Erhaltung von Performance-Kunst

Um dem großen Diskussionsbedarf zu diesem brisanten Thema ein Forum zu bieten und restauratorische Perspektiven in den Dialog mit relevanten angrenzenden Disziplinen zu setzen, organisierte die Fachgruppe MKKM in Kooperation mit dem Kunstmuseum Wolfsburg das internationale, in englischer Sprache abgehaltene Symposium „Collecting and Conserving Performance Art”. Hierbei handelte es sich um die bisher umfassendste Tagung zum Thema der Erhaltung von Performance-Kunst. Während frühere Konferenzen und Forschungsinitiativen das Thema vor allem auf Fallstudien-Basis berührt haben, navigierte das Programm der Wolfsburger Tagung seine Teilnehmer didaktisch durch sechs Themenblöcke: „Performancekunst als künstlerisches Medium”, „Sammeln von Live Performance”, „Dokumentieren von Live Performance”, „Archivieren von Live Performance”, „Performance-Relikte” und „Wiederaufführung”.

Nach einem vorabendlichen Empfang, begleitet von Roman Ondáks Live Performance „Swap”, trugen über zwei Tage 24 Redner aus elf Ländern in 17 Vorträgen und drei Podiumsdiskussionen ihre Forschungsergebnisse und Erfahrungen zusammen. Im ersten Themenblock untersuchten die beiden Tanzwissenschaftler Franz Anton Cramer und Barbara Büscher Parallelen zwischen den Medien Tanz und Kunstperformance, während Tiziana Caianiello aus kunsthistorischer Perspektive die konzeptuellen und terminologischen Grenzbereiche zwischen Performance und Installation beleuchtete.

Erfahrungsaustausch auf internationaler Ebene

Im zweiten Themenblock stellten Vertreter der Museumswelt ihre institutionellen Strategien zum Sammeln von Live Performance-Werken vor. Restauratorin für Medien- und Performancekunst Joanna Phillips und Kuratorin Lauren Hinkson vom Guggenheim Museum erläuterten anhand von Werkbeispielen ihre Ankaufs- und Dokumentationspraktiken für allographische Werke. Sammlungs-Archivarin Athena Holbrook vom New Yorker Museum of Modern Art berichtete anschließend über ihre Erfahrung, durch das persönliche Ausführen angekaufter Performances ein vertieftes Werkverständnis und erhaltungsfördernde Dokumentation zu generieren. Auf dem anschließenden Podium konfrontierte Moderator Ulrich Lang die Museumsvertreterinnen Joanna Phillips, Lauren Hinkson und Athena Holbrook mit dem Künstler Roman Ondák und seinem „Swap”-Performer Sämi Moor, um das Sammeln von Live-Performancekunst aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren.

Im späteren Verlauf untersuchte Bruna Casagrande von der Hochschule der Künste Bern (vertreten durch Agathe Jarczyk) die Dokumentation von Performance-Kunst mittels multiperspektivischem Zeugenbericht, während der Fotograf Dave Kemp der Ryerson University Toronto die Rolle des Fotografen im Dokumentationsprozess besprach.

Der vierte Themenblock bot David Smith, leitender Film- und Medienarchivar am Asia Art Archive Hong Kong, ein Podium dafür, Ansätze zur Archivierung von Performancekunst im südostasiatischen Raum zu präsentieren. Authentizität, Autorenschaft und Rechtsbelange wurden durch Jean E. Brown und Charles Danby von der Northumbria University thematisiert. Die von Gunnar Heydenreich moderierte Podiumsdiskussion mit Jean E. Brown, Charles Danby, Agathe Jarczyk und Dave Kemp schloss mit einer Forderung nach verstärkter Zusammenarbeit zwischen Museumspraxis und Akademia.

Weiter ging es mit der Auseinandersetzung mit Performance-Relikten. Die Restauratorinnen Eva Rieß, Ina Hausmann und Carolin Bohlmann skizzierten den Prozess von Live-Performance zur Objektwerdung, während Louise Nicole Cone, Restauratorin am Statens Museum for Kunst in Kopenhagen, die statusbildenden Faktoren von Performancerelikten diskutierte. Rachel Rivenc und Anja Foerschner vom Getty Research Institut präsentierten ihr Forschungsprojekt zum Erhalt des Frühwerks Carolee Schneemanns samt dokumentarischem Begleitmaterial.

Der letzte Themenbereich konzentrierte sich auf Elżbieta Wysocka vom Nationalen Filmarchiv Warschau und ihre Untersuchung darüber, ob Performance-Kunst mit ausgeprägtem zeit- und ortsgebundenem Kontext wiederholbar ist.

Weiterführend beschrieben Hélia Marçal und Rita Macedo von der Universidade de Lisboa die Konservierung kontextgebundener Performancekunst anhand ausgewählter politischer Werke. Und Jessye Wdowin-Mc Gregor und Robert Lane von der University of Melbourne zeigten, wie Zeugenberichte, Körpererinnerung und mündliche Überlieferung zu einer werkgerechten Tradierung beitragen.

Wunsch nach restauratorischer und kuratorischer Kooperation

In der abschließenden Podiumsdiskussion stellten sich Tiziana Caianiello, Franz Anton Cramer und Irene Müller (per Skype aus Zürich dazugeschaltet) unter der Moderatorin Anna-Catharina Gebbers dem Bedarf, ein gemeinsames Fachvokabular zu entwickeln.

Am Ende des Symposiums fasste Joanna Phillips die präsentierten Thesen beider Tage zusammen und moderierte eine offene Diskussion mit dem Publikum. Befragt nach den Erkenntnissen der Tagung gaben die Teilnehmer inspiriert und vielseitig Antwort. Im Kanon dieser Rückmeldungen jedoch stand die Forderung nach einer verbesserten Zusammenarbeit zwischen Kuratoren und Restauratoren sowie zwischen Museum und Lehre. Nur durch interdisziplinäre und institutionsübergreifende Zusammenarbeit kann die neue Praxis- und Theoriebildung für die Erhaltung von Performancekunst gelingen.

Im Dezember werden die Videomitschnitte der Tagung auf der VDR-Homepage zugänglich sein. Ein Tagungsband ist in Planung.

Ein ausführliches Interview mit Restauratorin Joanna Phillips zum Thema Erhalt von Medien- und Performancekunst finden Sie ab 9. Dezember 2016 in der RESTAURO 8/2016.