31.03.2026

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Cindy Sherman in München: Wenn Mode zur Maskerade wird

© the artist, Courtesy Sammlung Goetz, München, Foto: Thomas Dashuber
© the artist, Courtesy Sammlung Goetz, München, Foto: Thomas Dashuber

Es gibt Ausstellungen, die man betritt und sofort weiß: Hier passiert etwas mit einem. Die aktuelle Schau der Sammlung Goetz /Schaufenster an der Pacellistraße in München gehört dazu. Zu sehen sind bis Ende Juni Arbeiten von Cindy Sherman – und wer die amerikanische Fotografin bislang nur vom Namen kannte, wird diesen Ort als eine andere Person wieder verlassen. Im besten Sinne.


Die Meisterin der tausend Gesichter

Cindy Sherman, geboren 1954 in New Jersey, hat sich über Jahrzehnte mit Geschlechterklischees und Identität auseinandergesetzt – stets durch den eigenen Körper, den sie als wandelbares Ausdrucksmittel begreift. Bekannt wurde sie vor allem durch Fotoserien, in denen sie sich konzeptuell mit Fragen der Identität, Rollenbildern und Körperlichkeit beschäftigt. Was sie dabei auszeichnet: Man erkennt sie kaum. Perücken, Schminke, Kostüme, Prothesen – Sherman verschwindet hinter ihren Figuren, und genau darin liegt die Faszination.
Eine ihrer bekanntesten Werkserien, ist „Untitled Film Stills“ (1977–1980), sie zeigt die Künstlerin in 69 Bildern als Schauspielerin in nicht existierenden Filmszenen. Die Szenen sind allesamt erdacht, wirken aber so vertraut, als hätte man sie schon einmal gesehen – eine Blondine auf dem Hotelbett, gedankenverloren und sehnsüchtig, wie direkt aus einem Hitchcock-Thriller entsprungen. Obwohl Sherman stets selbst vor der Kamera steht, betont sie, dass es sich nicht um Selbstporträts handele. Die Person Cindy Sherman bleibt verborgen – was zählt, sind die Rollen.


Anti-Mode als künstlerische Haltung

Die Münchner Ausstellung konzentriert sich auf ein besonders reizvolles Kapitel ihres Schaffens: die Fashion-Serie, entstanden zwischen 1983 und 1994. Wer klassische Modefotografie erwartet – elegant, makellos, begehrenswert – wird überrascht, vielleicht sogar leicht irritiert sein. In ihren Fotografien zeigt Sherman Figuren, die alles andere als begehrenswert sind und damit allen Konventionen der Haute Couture sowie üblichen Schönheitsidealen widersprechen. Die Bilder wirken wie überdrehte Parodien auf das Genre der Modefotografie – weshalb die Serie auch als „Anti-Fashion“ bezeichnet wurde. Das ist nicht Kritik um der Kritik willen, sondern ein tiefes Hinterfragen: Was verkauft Mode eigentlich? Welche Körper, welche Identitäten, welche Träume?
Besonders eindrücklich ist dabei der Wandel, den die Serie über die Jahre vollzieht. In den frühen 1980er-Jahren stehen noch Charaktere im Vordergrund, deren Theatralik und Groteske einen fast zum Lachen bringt – und gleichzeitig nachdenklich macht. In den Arbeiten der frühen 1990er-Jahre tritt die menschliche Figur dann immer weiter zurück. Die Kleidung selbst, das Kostüm, wird zum eigentlichen Protagonisten. Stereotype lösen sich von ihren Trägerinnen. Die Sammlung Goetz, die seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten privaten Kunstsammlungen Deutschlands zählt und besitzt Werkgruppen aus nahezu allen Schaffensphasen Shermans.

 


Selbst in die Rolle schlüpfen – der Fotoautomat

Was diese Ausstellung von anderen unterscheidet, ist ein Detail, das man nicht erwartet – und das einem erst beim Durchstreifen der Räume auffällt: ein echter Fotoautomat, flankiert von einer Auswahl an Kostümen, Perücken und Accessoires. Besucher:innen sind eingeladen, sich zu verkleiden, in eine Rolle zu schlüpfen und sich fotografieren zu lassen – ganz so, wie es Sherman selbst seit über fünf Jahrzehnten tut.
Wer es ausprobiert merkt schnell: Es ist nicht nur ein Spaß um des Spaßes willen. Es ist das Erlebnis, wie schnell man sich in eine andere Person verwandeln kann. Wie viel Identität aus Kleidung und Habitus besteht. Wie dünn die Linie zwischen „ich“ und „Rolle“ eigentlich ist. Der Fotoautomat ist kein spielerisches Beiwerk, er ist ein partizipatives Angebot, das die Kernfragen von Shermans Werk unmittelbar erfahrbar macht.


Eine Künstlerin, die die Gegenwart prägt

Cindy Sherman ist ohne Zweifel eine der einflussreichsten und prägendsten Künstlerinnen unserer Zeit. Mit ihren Selbstinszenierungen in wechselnden Rollen und Identitäten hat sie die Fotografie- und Kunstwelt nachhaltig verändert. Durch die breitenwirksame Rezeption ihrer Werke wurde sie zum Vorbild nachfolgender Künstlergenerationen, die sich mit dem Thema Identität auseinandersetzen. Besonders interessant ist, wie aktuell ihre Fragen geblieben sind – oder vielmehr: wie viel drängender sie geworden sind. In einer Zeit, in der Identität auf sozialen Medien täglich neu verhandelt wird, Filter jeden Gesichtsausdruck verändern und Selbstdarstellung zur zweiten Natur geworden ist, wirkt Shermans Werk wie eine prophetische Vorwegnahme. In den letzten Jahren hat sich Sherman selbst mit der Nutzung künstlicher Intelligenz beschäftigt und verwendet Apps und KI-Tools zur Verzerrung ihrer Gesichtszüge – sie sieht darin sowohl Potenzial als auch Gefahr.


Hingehen. Verkleiden. Nachdenken.

Die Ausstellung in der Sammlung Goetz /Schaufenster läuft noch bis zum 27. Juni 2026. Dienstag bis Freitag ist die Galerie ab mittags geöffnet, donnerstags sogar bis 20 Uhr – ideal für einen Besuch nach der Arbeit. Die Adresse: Pacellistraße 5 in der Münchner Innenstadt.

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