Unter dem Kapellenplatz in Rothenburg ob der Tauber verbirgt sich ein lange verlorenes Kapitel der Stadtgeschichte. Moderne Bodenradartechnik hat nun den Grundriss der ersten Synagoge der Stadt sichtbar gemacht – ohne den Boden weiter aufzugraben. Die Ergebnisse zeigen nicht nur die beeindruckende Größe des Bauwerks, sondern auch die einstige Bedeutung der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde.
Bei archäologischen Arbeiten am Kapellenplatz in Rothenburg ob der Tauber kam im vergangenen Jahr eine überraschende Entdeckung ans Licht: die Fundamente der ältesten Synagoge der Stadt. Damit wurde erstmals ein archäologischer Beleg für ein Bauwerk gefunden, das bislang nur aus schriftlichen Quellen bekannt war. Nun hat das Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) seine Untersuchungen des Bodendenkmals abgeschlossen – und mithilfe moderner Bodenradartechnik den Grundriss des mittelalterlichen Gebäudes präzise rekonstruiert.
Ein „Röntgenbild“ des Untergrunds
Die Forschenden setzten Bodenradar ein, um die Struktur der im Boden verborgenen Mauern sichtbar zu machen. „Mithilfe des Bodenradars lässt sich eine Art Röntgenaufnahme der obersten Erdschichten erstellen“, erklärt der Generalkonservator des BLfD, Mathias Pfeil. Auf diese Weise könnten neue Erkenntnisse gewonnen werden, ohne das Bodendenkmal durch weitere Ausgrabungen zu beeinträchtigen. Die Messungen ergänzten die bisherigen Grabungsergebnisse und ermöglichten es, den bislang nur teilweise freigelegten Bau vollständig zu erfassen. Dabei konnten unter anderem der Annex für den Thoraschrein sowie die Position der Bima – des zentralen Lesepults in der Synagoge – lokalisiert werden.
Ein Bau von beachtlicher Größe
Die Mauern der Synagoge sind etwa einen Meter stark und bilden einen rechteckigen Grundriss von rund 16 mal 11 Metern. Das entspricht dem typischen Verhältnis von etwa 3:2, das auch bei anderen romanischen aschkenasischen Synagogen zu finden ist, etwa in Köln, Worms oder Speyer. Der einschiffige Saalbau umfasste rund 180 Quadratmeter. Zusammen mit einer südlich anschließenden Frauenabteilung erreichte der Innenraum eine Fläche von etwa 210 Quadratmetern. Schätzungen zufolge bot die Synagoge damit Platz für etwa 320 bis 380 Menschen – ein Großteil der damaligen jüdischen Gemeinde der Stadt. Nach Einschätzung der Forschenden gehört das Bauwerk damit zu den größten bekannten Synagogen des Hoch- und Spätmittelalters und unterstreicht die Bedeutung Rothenburgs als jüdische Gelehrtenstadt im mittelalterlichen Reich.
Hinweise auf Bauzeit und Architektur
Die Radaraufnahmen zeigen, dass die Synagoge freistehend auf dem heutigen Kapellenplatz errichtet war und sich in ihrer Ausrichtung offenbar an der umliegenden Bebauung orientierte. An der Ostseite lässt sich ein vorspringender rechteckiger Anbau erkennen. Vermutlich beherbergte er den Thoraschrein – eine Bauform, die auch von Synagogen in Frankfurt am Main, Speyer und Worms bekannt ist. Die Existenz dieses Annexes deutet darauf hin, dass die Synagoge vor dem Jahr 1300 errichtet wurde, da entsprechende Anbauten in späteren Jahrhunderten nicht mehr nachweisbar sind. Im Zentrum des Gebäudes identifizierten die Forschenden zudem eine rechteckige Struktur von etwa vier mal drei Metern – vermutlich die Fundamentreste der ehemaligen Bima.
Umbau zur Kapelle im Spätmittelalter
Auch spätere Veränderungen des Gebäudes lassen sich durch die Messungen nachvollziehen. Im frühen 15. Jahrhundert wurde die ehemalige Synagoge in eine christliche Kapelle umgebaut. Der Kernbau blieb dabei erhalten und diente fortan als Langhaus. An der Ostseite entstand ein polygonaler Chor im gotischen Stil. Der so rekonstruierte Grundriss der späteren Marienkapelle stimmt mit historischen Darstellungen aus dem 18. Jahrhundert überein – ein weiteres Indiz dafür, wie moderne Technik und historische Quellen zusammen ein genaueres Bild der Vergangenheit zeichnen können.
Die Ergebnisse der Bodenradaruntersuchungen des BLfD liefern damit nicht nur neue Erkenntnisse zur Baugeschichte des Ortes. Sie verdeutlichen zugleich die einstige Bedeutung der jüdischen Gemeinde Rothenburgs – und erinnern an deren gewaltsames Ende im Jahr 1298, als bei einem Pogrom mehr als 450 Jüdinnen und Juden ermordet wurden.
