Das Lenbachhaus hat seine Blaue Reiter-Sammlung neu konzipiert. Das Kurator:innen-Team hat dabei neue Zusammenhänge zwischen den Werken und ihren Schöpfer:innen herausgearbeitet. Herzstücke der Sammlung werden nun zentral präsentiert und ziehen die Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich, während frisch restaurierte Werke erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden. Das neue Farb- und Raumkonzept lässt Besucher:innen in die intensive Welt dieser Avantgardebewegung eintauchen und eröffnet faszinierende Einblicke in die Geschichte und Visionen der Künstler:innen.
Unter dem Titel „Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter“ präsentiert das Lenbachhaus seine umfangreiche Sammlung der Künstlergruppe mit einem frischen Konzept, das zentrale Werke der Bewegung stärker in den Mittelpunkt rückt und Besucher:innen einen neuen Zugang zu dieser prägenden Avantgarde eröffnet. Herzstücke wie „Blaues Pferd I“ von Franz Marc werden prominenter präsentiert und ermöglichen ein unmittelbares Erleben von Marcs symbolischer Farbtheorie und der emotionalen Kraft seines Schaffens. Ergänzt wird dies durch frisch restaurierte Neuerwerbungen, deren Erwerbung durch den Freundeskreis Lenbachhaus e. V. ermöglicht wurden: die abstrakten Werke „Ornamentale Komposition XIII“ und „Ornamentale Komposition XV“ von Wilhelm Morgner erweitern das Verständnis der Farb- und Formensprache des Blauen Reiters und fügen sich nahtlos in die erzählerische Linie der Ausstellung ein. Das neue Farbkonzept greift die intensiven, symbolischen Farbwelten der Bewegung auf, sodass die Besucher:innen regelrecht in die Visionen der Avantgarde eintauchen können. Zudem werden in der Ausstellung erstmals auch die Stadtansichten von Emmy Klinker und Albert Bloch präsentiert, die u. a. Sozialkritik üben. Diese Werke verdeutlichen die Verbindung zwischen künstlerischer Innovation und gesellschaftlicher Verantwortung eindrucksvoll. Parallel hat das Provenienzforschungsteam neue Erkenntnisse zu den Werken der Sammlung gewonnen, die zur Klärung der Herkunft und historischen Einordnung beitragen.
Künstlerinnen im Fokus
Die Ausstellung im Lenbachhaus rückt zudem bewusst die zentralen Beiträge der Künstlerinnen in den Vordergrund, die für ihre Zeit ungewöhnlich sichtbar waren. Dazu zählen Gabriele Münter mit ihren expressiven Bildern, Elisabeth Epstein mit eindringlichen Selbstporträts, die dramatischen Werke der kosmopolitischen Marianne von Werefkin sowie die subtilen Stillleben und utopischen Kinderwelten von Maria Franck-Marc.
Gemeinsam mit den Werken ihrer männlichen Kollegen zeigen diese Arbeiten, dass der Blaue Reiter mehr als eine Stilrichtung war: Er war ein transnationales Netzwerk kreativer Köpfe, das kulturelle Unterschiede als Ressource nutzte und im Austausch zwischen Deutschland, Frankreich, dem Russischen Reich und den USA eine neue Bildsprache für eine sich verändernde Welt entwickelte. Viele der Beteiligten stellten unkonventionelle Lebensentwürfe vor, hinterfragten Geschlechterrollen und suchten neue Ausdrucksformen jenseits bürgerlicher Normen.
Über 150 Werke für neue Einblicke
Mit über 150 Arbeiten eröffnet die Ausstellung neue Blickwinkel auf eine der bedeutendsten Bewegungen der europäischen Avantgarde. Neben Klassikern von Franz Marc, Paul Klee und Wassily Kandinsky zeigt sie erstmals großformatige abstrakte Kompositionen, sozialkritische Werke und performative Grenzüberschreitungen. Die Ausstellung verdeutlicht, wie aktuell die Fragen nach Emanzipation, ästhetischer Praxis und gattungsübergreifender Innovation noch heute sind. Kunst wurde von den Künstler:innen des Blauen Reiters als Botschaft verstanden, nicht nur als Spiel mit Form und Farbe – wie Else Lasker-Schüler 1911 poetisch ausdrückte: „Über die Welt hinaus.“ Die Neugestaltung der Sammlung bildet zudem einen wichtigen Baustein der Vorbereitungen zum Jubiläum „100 Jahre Lenbachhaus 1929–2029“ und verdeutlicht, wie das Museum klassische Sammlungspräsentation mit innovativen Ausstellungsideen verbindet, um die bahnbrechende Bedeutung des Blauen Reiters für die Kunstgeschichte lebendig zu machen.
