Inmitten der idyllischen Landschaft Niederbayerns stehen sie: alte, verlassene Bauernhäuser, die von vergangenen Zeiten erzählen. Viele dieser denkmalgeschützten Gebäude drohen jedoch zu verfallen, weil die Sanierung oft als zu aufwändig gilt. Dr. Guido Giermeier und seine Familie aus Passau stellen sich dieser Herausforderung. Mit viel Liebe zum Detail haben sie nicht nur ein Altstadthaus, sondern auch vier historische Bauernhäuser im Bayerischen Wald renoviert und bieten diese heute als charmante Ferienunterkünfte an. Ihr Engagement ist eine Hommage an die traditionelle Baukunst Niederbayerns und den Erhalt des kulturellen Erbes der Region. Um mehr über diese Projekte zu erfahren, haben wir uns mit Simone Muhr, der Tochter von Dr. Giermeier, und ihrem Ehemann Johannes Muhr getroffen. Im Gespräch gewähren die beiden Wahl-Münchner spannende Einblicke in die Entstehung und Entwicklung dieser außergewöhnlichen Bauprojekte und räumen mit der verbreiteten Furcht vor dem Denkmalschutz auf.
Zum ersten Mal
Catharina Recker: Mit dem Kauf eures Familienhauses, dem ehemaligen Porzellankabinett und späteren Parkwächterhaus im Schlosspark von Schloss Freudenhain in Passau, kam deine Familie, Simone, das erste Mal mit dem Denkmalschutz in Berührung. Doch eine vollständige Kernsanierung unter den Auflagen des Denkmalschutzes, wie beim Umbau des heutigen Hotel Cultellus in der Passauer Altstadt, ist nochmal eine ganz andere Herausforderung. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?
Simone Muhr: Mit einer vernünftigen Einstellung ist der Denkmalschutz halb so schlimm. Viele haben Angst vor angeblichen ständigen Vorschriften, aber wir haben das nie so erlebt. Dass in der Passauer Altstadt keine Plastikfenster erlaubt sind, ist doch richtig! In der Innengestaltung hatten wir viele Freiräume, wichtig war vor allem die Fassade. Unsere Baustellen waren immer in unter zwei Jahren fertig – inklusive Denkmalschutz.
Johannes Muhr: Meist kommt das Denkmalamt zu Beginn, vielleicht einmal zwischendurch, und am Ende, wenn alles fertig ist. Sie schauen sich alles an, man bespricht sich, und dann passt es.
Problem Brandschutz
CR: Basierend darauf erhält man dann entsprechende Anforderungen und gewisse Förderungen in Hinblick auf die einzelnen baulichen Maßnahmen?
SM: Das Denkmalamt setzt je nach Projekt unterschiedliche Schwerpunkte. Beim sogenannten Forsthaus in Regen, einem denkmalgeschützten Bauernhof, den mein Vater saniert hat, wurde zum Beispiel das historische Schindeldach stark gefördert – Holzschindeln sind ja sehr teuer. Der Denkmalschutz beteiligt sich oft an den Mehrkosten, die durch die aufwendigere Sanierung entstehen. Natürlich gibt es Auflagen, aber man darf nicht vergessen, dass dafür auch finanzielle Unterstützung bereitgestellt wird.
JM: Tatsächlich war der Brandschutz beim Passauer Hotel Cultellus ein größeres Problem. Das lag vor allem an der gewerblichen Nutzung und daran, dass alle Gebäude in der Altstadt sehr nah aneinandergebaut sind.
CR: Wie schwierig war es, Brandschutz und Denkmalschutz zu vereinen?
SM: Natürlich gab es Konflikte, aber am Ende fanden wir immer Lösungen, die sowohl den Brandschutz als auch den Denkmalschutz berücksichtigten. Denn alle verfolgen ein Ziel: Die Gebäude sollen nicht verfallen, sondern erhalten und genutzt werden.
Fall für Profis
CR: Das macht doch Mut zum Denkmal! Mit dem Hotel Cultellus habt Ihr nicht aufgehört, sondern es ging im Grunde erst los. Wie kam es zum ersten Bauernhof-Projekt im Bayerischen Wald?
SM: Mein Vater hatte immer ein Auge auf den Immobilienmarkt und irgendwann stand ein Holzblockhaus im Bayerischen Wald zur Zwangsversteigerung an – zu einem sehr günstigen Preis. Der Haken war, dass es von anderen Gebäuden dicht zugebaut war und keine schöne Aussicht hatte. Er hat lange überlegt, ob er es ersteigern soll. Doch dann entdeckte er den Kostnerhof in der Nähe. Dieser Hof war nicht nur besser gelegen, sondern auch größer und schöner. Nach einiger Recherche erfuhr er, dass der Eigentümer das seit über 20 Jahren leerstehende Haus verkaufen wollte. So kaufte mein Vater 2014 den Kostnerhof und begann recht bald mit den Sanierungsarbeiten, wobei vieles – wie beim Hotel Cultellus – in Eigenleistung geschah, etwa das Ausräumen und der Abriss.
JM: An dieser Stelle ein Tipp: Bei denkmalgeschützten Häusern gibt es viele kleine, zeitintensive Aufgaben, die man als nicht-Fachmann machen kann. Dadurch spart man viel Geld. Oft zeigen die Handwerker einem gerne, wie es geht und erfahrungsgemäß sind sie sogar froh, wenn sie einzelne Arbeiten „auslagern“ können. Erst beim nächsten Schritt, wenn sie als Profi wieder gefragt sind, schalten sie sich wieder ein.
SM: Die Handwerker sollten natürlich ein Faible für denkmalgeschützte Projekte haben. Ein historischer Bau ist eben nicht ein Neubau: Routineeingriffe, die man bei Neubauten macht, funktionieren bei denkmalgeschützten Häusern eben nicht.
Hoffnungslose Häuser
CR: Nicht nur dein Vater, sondern auch ihr habt eine Liebe für historische Bauernhäuser. Wie kamt ihr nun zu eurem Bauernhof in Rehberg, direkt gegenüber vom Kostnerhof?
SM: Das war sehr spannend! Unser Haus stand zunächst in Albersdorf bei Vilshofen, dem Heimatdorf meiner Großmutter väterlicherseits. Ursprünglich denkmalgeschützt stand es zugebaut mitten im Dorf. Es sollte abgerissen werden und ist davor von der Denkmalliste gestrichen worden, da es als nicht sanierungsfähig galt. Zu diesem Zeitpunkt hatte mein Papa bereits den Ruf, dass er hoffnungslose historische Häuser rettet. Da er im Dorf familiär bedingt noch sehr bekannt ist, hat man ihm davon erzählt. Allerdings hatte er keine Zeit, um dieses Projekt anzunehmen. Daher hat er zu uns gesagt: „Simone, Johannes, ihr habt nichts anderes zu tun, fangt doch eine Baustelle an“.
Mehr Freiraum
CR: Wie aufregend! Empfindet ihr es heute als Vor- oder Nachteil, dass der Denkmalschutz weg ist?
SM: Ich empfinde es als sehr enttäuschend, denn wenn ein Objekt den Denkmalschutz verliert, ist er weg, ganz gleich, ob es jemand nochmal rettet.
CR: Natürlich ist das in diesem Falle ein Nachteil, aber es hat auch Vorteile. Den Ab- und Aufbau im Lego-Prinzip an einem anderen Ort konntet ihr nur machen, da der Denkmalschutz weg war. Seid ihr anders vorgegangen als bei den anderen, denkmalgeschützten Häusern deines Vaters, Simone?
SM: In der Innengestaltung waren wir deutlich freier: Wir konnten sehr viele Zwischenmauern rausreißen und größere Räume schaffen. Das wäre in dem Ausmaß nicht gegangen, wenn es noch im Denkmalschutz gewesen wäre. Auch der Hauseingang ist bei uns nicht am Ursprungsort, sondern dort, wo früher eine Seitentür Richtung Stall war. Aber von der Fassadengestaltung haben wir es wieder so aufgebaut, wie es war – inklusive Holzfenster – nur, dass wir die schlechten Balken ausgetauscht haben.
JM: Wir haben immer versucht Holzbretter zu retten. Denn oft brauchten wir sie einfach nur zu bürsten oder zu schleifen und konnten sie dann zum Beispiel wieder als Fußboden verwenden. Was sich nicht umziehen ließ, war die Feldsteinmauer vom ursprünglichen Stall, wie es früher in alten Bauernhäusern üblich war. Daher haben wir mit Ziegeln gemauert und dann davor eine Stampfbetonwand gesetzt.
Ein Balanceakt
CR: Wie habt ihr die Zeit persönlich erlebt? Es muss doch eine Herausforderung gewesen sein, neben einem Vollzeitjob auch noch ein altes Bauernhaus zu renovieren.
JM: Im Sommer 2019 begann unser Zimmerer mit dem Abbau des Hauses in Albersdorf. Er markierte jeden Balken einzeln und baute das Haus Stück für Stück ab, da der ursprüngliche Eigentümer an dieser Stelle einen Neubau plante.
SM: Für uns passte der Zeitpunkt gut. Im Herbst 2019 starteten wir mit dem Wiederaufbau, und kurz darauf kam die Pandemie. In München haben wir nichts verpasst und während viele sich langweilten, hatten wir ordentlich zu tun.
JM: Die intensivste Phase war im Sommer 2020. Unsere Arbeitgeber stellten auf Homeoffice um, also sind wir kurzerhand in den Stadl des Kostnerhofs gezogen. Unter der Woche haben wir am Laptop gearbeitet und danach bis spät abends, oft bis halb elf, mit Taschenlampen und Baustrahlern am Haus weitergemacht – auch an den Wochenenden.
SM: Es hat richtig Spaß gemacht! Es war nicht nur Arbeit, sondern man sah am Ende des Tages, was man geschafft hatte. Für uns, die normalerweise Schreibtischjobs haben, war das der perfekte Ausgleich!
Miteinander denken
CR: Das kann ich mir denken! Es bedarf bei all euren Projekten von Anfang an auch einer guten Vorstellungskraft. Habt ihr Architekten zur Hand, die euch helfen eure Visionen umzusetzen?
SM: Tatsächlich haben wir bislang mit keinem Architekten zusammengearbeitet. Alle Häuser basieren auf eigenen Ideen und dem Dialog mit den Handwerkern. Sie müssen mitdenken und involviert werden – das ist sehr wichtig!
JM: Umso mehr braucht man dafür Statiker, vor allem für den Bauantrag. Sie agieren jedoch rein technisch. Wie es am Ende aussieht, hat damit nichts zu tun.
Nicht perfekt
CR: Ihr bemüht euch dabei nicht nur ursprüngliche Substanz zu erhalten und zugleich modernen Ansprüchen gerecht zu werden, sondern auch nachhaltige Materialien zu nutzen und historische Baupraktiken zu berücksichtigen.
JM: So ist es! In allen Bauernhöfen sind die Wände mit Lehm verputzt, der wiederum auf Schilfrohrmatten aufgetragen ist. Denn, wie Simone vorher schon gesagt hat, kann man hier keine modernen Materialien, wie zum Beispiel den Dämmstoff Styrodur verwenden. Die Wände haben wir traditionell mit Stopfhanf isoliert, was das Gebäude atmen lässt und den ursprünglichen Charakter bewahrt.
SM: Man darf ein Holzblockhaus nicht komplett abdichten, sonst verrottet es von innen. Deshalb zieht es bei uns überall ein bisschen – die Fenster schließen nicht perfekt, der Putz auf den Schilfrohrmatten dichtet nicht hermetisch ab, und es gibt keine Dampfsperre. Ein historisches Haus wird nie 100 % dicht, und das sollte auch nicht mit modernen Materialien erzwungen werden. Stattdessen sollte man sich an den bewährten Techniken der letzten Jahrhunderte orientieren – schließlich haben sie das Haus bis heute erhalten.
JM: Bei uns haben alle Häuser bei Holzböden eine Wandheizung und bei Betonböden eine Fußbodenheizung. Für den Holzblock ist die Wandheizung das Beste, da sie auch sehr gut mit dem Schilfmatten-Lehmputz-Konstrukt funktioniert.
Wohlig warm
CR: Zum Thema Wandheizung und Energie: Ihr seid halbwegs autark, durch die PV-Anlage auf dem Stadl des Kostnerhofs, der euch mit Strom versorgt.
JM: Genau, mit der PV-Anlage generieren wir Strom. Die teilweise überschüssige Energie kann für die Heizung, also für Warmwasser, verwendet werden. Das Problem ist nur der etwas stärkere Winter im Bayerischen Wald, denn mit Massen an Schnee auf dem Dach erzeugt man keinen Strom. Geheizt wird mit Pellets von nahegelegenen Sägewerken, die lokales Holz verarbeiten – dafür bietet sich der Bayerische Wald einfach an. Es handelt sich um Holzabfall, der bei der Holzproduktion entsteht.
SM: Man muss hier sagen, dass Holz auch noch eine ganze andere Wärmekraft hat. In der Stadt macht man die Heizung aus und die Luft ist sofort kalt. Hier aber, wenn der Ofen oder die Heizung aus ist, ist der Raum trotzdem wohlig warm.
Zwischen traditioneller Handwerkskunst und modernem Wohnen
CR: Wie kommen eure historischen Ferienhäuser bei den Gästen an? Was bedeutet es für sie, in einem denkmalgeschützten Bauernhaus Urlaub zu machen?
SM: Die meisten Gäste sind begeistert, besonders die, die sich bewusst für unsere Häuser entschieden haben. Wir legen großen Wert auf hochwertige Möbel, die langlebig sind, und das zahlt sich aus. Der Kostnerhof wird seit fast zehn Jahren vermietet, und es mussten kaum Reparaturen vorgenommen werden. Die Bäder sehen noch wie neu aus.
JM: Natürlich gibt es Einschränkungen, wie zum Beispiel die niedrigen Decken in einigen Zimmern, die nicht ideal für große Menschen sind. Das ist eine Eigenheit historischer Gebäude, mit der man sich arrangieren muss, wenn man dort übernachten möchte.
CR: Vielen lieben Dank, Simone und Johannes, für eure Einblicke in die Welt des Denkmalschutzes und euren Sanierungsprojekten! Euer Engagement ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie traditionelle Handwerkskunst und modernes Wohnen harmonisch miteinander verbunden werden können. Mit jedem renovierten Bauernhaus bewahrt ihr nicht nur ein Stück niederbayerischer Baukultur, sondern schafft auch einzigartige Orte, die die Geschichte der Region lebendig halten. Dank eurer Arbeit bleibt dieses kulturelle Erbe für kommende Generationen erhalten – und lädt gleichzeitig Gäste aus aller Welt ein, es hautnah zu erleben.
