Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist Angelika Kauffmann eine der prominentesten Malerinnen Europas. Ein zeitgenössischer Kupferstecher jubiliert sogar: „Die ganze Welt ist Angelica verrückt.“ Rasch etabliert sich Kauffmann, als sie 1766 nach London kommt. Am Golden Square eröffnet sie ein Atelier und verlangt Honorare auf dem Niveau ihrer männlichen Kollegen. Zwei Jahre später gehört sie gemeinsam mit Mary Moser zu den beiden einzigen Frauen unter den Gründungsmitgliedern der Royal Academy of Arts in London.
Doch diese außergewöhnliche Stellung bedeutet keine Gleichberechtigung. Der Aktzeichensaal bleibt beiden verschlossen, auch an wichtigen Sitzungen nehmen sie nicht gleichberechtigt teil. Wie widersprüchlich ihre Position ist, zeigt Johann Zoffanys The Academicians of the Royal Academy von 1772: Die Männer sind als handelnde Gemeinschaft um das nackte Modell herum dargestellt, Kauffmann und Moser hingegen nur als Porträts in der rechten oberen Ecke. Sie gehören zur Akademie und bleiben doch in entscheidenden Bereichen ausgeschlossen. Diese Spannung zwischen Anerkennung und Ausschluss prägt Kauffmanns Stellung in London.
Angelika Kauffmann in den Londoner Sammlungen
Auch die spätere Sammlungsgeschichte ist bezeichnend. In der National Gallery London selbst befindet sich im 19. Jahrhundert lediglich ein Werk Kauffmanns. Es gelangt 1835 als Vermächtnis in die Sammlung und wird 1897 im Zuge der Neuordnung der Bestände in die neu gegründete National Gallery of British Art in Millbank, die spätere Tate Britain, übertragen. Erst 1876 erwirbt auch die National Portrait Gallery ein Werk Kauffmanns, ein Selbstporträt. Gemessen an ihrer herausragenden Stellung im London des 18. Jahrhunderts bleibt ihre Präsenz in den nationalen Sammlungen damit bemerkenswert gering.
Achilles discovered among the Daughters of Lycomedes in der National Gallery
Wenn die National Gallery nun mit Angelika Kauffmanns „Achilles discovered among the Daughters of Lycomedes“, von 1788 wieder ein bedeutendes Werk der Künstlerin erhält, ist das mehr als eine erfreuliche Erweiterung der Sammlung. Es handelt sich um ein ungewöhnlich großes, vollständig ausgearbeitetes modello für die spätere Fassung im Auftrag Katharinas der Großen. Kauffmann zeigt den Augenblick, in dem der als Frau verborgene Achilles sich durch den Griff zu den Waffen selbst verrät. Die streng aufgebaute klassizistische Komposition verbindet die Klarheit antiker Form mit psychologischer Spannung: Nicht die heroische Tat steht im Zentrum, sondern der Moment der Entlarvung. Die Schenkung von Richard und Luba Barrett, Barrett Collection, Dallas bringt ein zentrales Werk Kauffmanns an einen Ort zurück, an dem ihre Kunst seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr vertreten ist. Zugleich ist sie eine notwendige Korrektur ihrer kunsthistorischen Sichtbarkeit.
Denn Künstlerinnen wie Kauffmann sind nicht deshalb lange wenig präsent, weil sie zu ihrer Zeit unbedeutend gewesen wären, sondern weil sie aus dem kunsthistorischen Bewusstsein, aus Sammlungen und aus der Lehre weitgehend herausgeschrieben wurden. Die Hängung des Achilles in der National Gallery zeigt nicht nur Kauffmanns Kunstfertigkeit, sie führt zugleich vor Augen, was verloren geht, wenn Künstlerinnen aus dem kunsthistorischen Kanon ausgeblendet werden. Die Korrektur besteht also nicht in einer vermeintlichen Aufwertung Kauffmanns als bedeutender Historienmalerin des europäischen Klassizismus. Vielmehr gilt es, ihre bereits zu Lebzeiten erreichte Stellung in jener Gattung, die innerhalb der akademischen Hierarchie den höchsten Rang einnahm, angemessen zu würdigen.
