17.08.2025

Denkmalpflege

Die Akte Andreas-Hermes-Platz

Die Stadt Hannover möchte den Andreas-Hermes-Platz umgestalten und die Brunnenanlage von Gustav Lange abreißen. Dies stößt auf Widerstand. © Landeshauptstadt Hannover

Der Andreas-Hermes-Platz ist ein bedeutungsvoller Ort für Hannover. Und ein Ort, der die Stadt und Planerinnen und Planer schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Ein Umgestaltungskonzept sieht aktuell den Abriss der Brunnenanlage von Gustav Lange vor und stößt damit auf Widerstand bei dessen Erbinnen und Erben. Der Fall wirft die Frage auf, wann und wo ikonische Bestandsarchitektur erhalten werden soll und muss – auch wenn diese nicht unter Denkmalschutz steht.


Vielseitige Nutzung

Das städtebauliche Gefüge vor Ort ist komplex: Der Andreas-Hermes-Platz in Hannover liegt auf der Bahnhofsrückseite und wird im Süden durch die Berliner Allee und die Raschplatzhochstraße abgeschnitten. Über den Unterführungsbereich Richtung Bahnhof schließt sich nahtlos der Raschplatz an. Den Nordwesten des Andreas-Hermes-Platzes dominiert das Kulturzentrum Pavillon, eines der ältesten Kulturzentren der Bundesrepublik und ein politisch aufgeladener Ort. Doch auch der Pavillon orientiert sich nicht zum Platz, sondern zur Gegenseite hin. Durch die komplexe, abgehängte Lage bietet der Andreas-Hermes-Platz deshalb seit Langem Potenzial für städtebauliche und sozialgesellschaftliche Diskurse. In den 90er-Jahren firmierte er auch unter dem Namen Haschplatz, wegen der Drogenszene, die den Ort damals frequentierte und dies bis heute tut. Wohnungslose sowie Feiernde aus den angrenzenden Diskotheken gehören zu den weiteren Nutzerinnen und Nutzern des Platzes.


Haltgebendes Element auf überdimensioniertem Platz

„Auf diesem Platz kommen viele verschiedene Nutzungen und Emotionsstränge zusammen“, beschreibt es der Architekt Jürgen Böge, Mitbegründer von Böge Lindner K2 Architekten, der sich seit den 90er-Jahren mit dem Ort beschäftigt. 1986 gewann sein Büro den Wettbewerb zum Neubau der DG Bank an der Berliner Allee. Sie entwickelten einen langgestreckten Baukörper als klare Kante zum Straßenraum mit einer konvexen Fassade zum Andreas-Hermes-Platz hin. Die Bank finanzierte weiterhin eine Umgestaltung der angrenzenden Freiräume und im Jahre 1990 gewann der renommierte – und 2022 verstorbene – Landschaftsarchitekt Prof. Gustav Lange mit seiner Konzeption das Verfahren. Bei seinem Entwurf ginge es nicht um eine Begrünung, sondern um eine freiraumplanerische Antwort auf das Architekturkonzept an einer Stelle, die als Rest definiert war, beschreibt Stefan Tischer in einem Beitrag im Magazin topos von 1992 die gestalterisch mutige Geste. Denn Lange entwarf einen raumgreifenden, runden Wasserspiegel mit rund 50 Metern Durchmesser, durch Sitzstufen aus Sandstein gefasst. Über das Becken führt ein Steg, ebenfalls aus Sandstein. Dieser Plattenweg setzt sich über die angrenzende wassergebundene, baumbestandene Platzfläche bis ins Innere des Verwaltungsgebäudes fort und führt so Innen und Außen zusammen. Entlang der Berliner Allee ergänzte eine 60 Meter lange und 3,5 Meter hohe freistehende, steinerne Wasserwand das Ensemble als schützende Geste gegen die Verkehrsschneise. Das stetig rinnende Wasser übertönte an dieser Stelle den Lärm der vorbeirasenden Autos. Stefan Tischer bricht das Konzept auf die einfachen Elemente Baum, Stein, Wasser und Sand herunter. Die einzelnen Bestandteile mögen einfach sein, simpel wirkt die Gestaltung jedoch nicht. Auch Jürgen Böge betont die Besonderheit des Entwurfs. Es sei Langes Ansinnen gewesen, dem überdimensionierten Platz, auf dem sich Passantinnen und Passanten zuvor beinahe verloren fühlten, durch den Brunnen ein Objekt gegenüberzustellen, das Halt gebe.

Gustav Lange reagierte mit seinem Entwurf des Brunnens auf die Architektur des Andreas-Hermes-Platzes. © Landeshauptstadt Hannover

Brunnenanlage soll neuer Nutzung weichen

Die Umgestaltung ist nun rund 30 Jahre her, doch die Debatten um die Nutzungsgruppen und Herausforderungen im Bahnhofsumfeld werden weiterhin ausgefochten. Seit einigen Jahren erarbeitet die Stadt Hannover Konzepte, inwiefern eine weitere Umgestaltung auf die noch immer bestehenden sozialen Probleme des Ortes einwirken kann. Seit 2016 wurde – ebenfalls durch Böge Lindner K2 Architekten – am einstigen Standort der imposanten Wasserwand von Gustav Lange ein Hotelsolitär als Hochaus errichtet. Durch das Hotel sollte die Leerstelle an der Kreuzung neu besetzt werden. Für Jürgen Böge eine gelungene Fassung des Andreas-Hermes-Platzes und eine stadträumliche Vollendung. Auch hoffte man, dass eine Gastronomie und Außenbespielung im Erdgeschoss den Platz an dieser Stelle neu beleben würde. Doch datierte der Abschluss der Bauarbeiten genau auf das Jahr 2020, die Eröffnung verzögerte sich und im Zuge der Pandemie verschlimmerte sich die Lage auf dem Andreas-Hermes-Platz weiter. Hinzu kommt, dass die Brunnentechnik seit einigen Jahren sanierungsbedürftig ist und der Brunnen deshalb leer steht. Bei einer 30 Jahre alten Anlage eine durchaus erwartbare Instandhaltungsarbeit, der jedoch vonseiten der Stadt nicht nachgekommen wurde. Ganz im Sinne der Broken-Windows-Theorie wirkt sich diese Vernachlässigung auf den umgebenden Stadtraum aus. Für Jürgen Böge ein Trauerspiel: „Das ist schade, weil der Brunnen so eine Kostbarkeit ist. Er war der Versuch, den Platz wertvoll zu machen.“ Die Sanierung des Brunnens steht derzeit kaum zur Debatte.


Gemeinschaftlicher Ort

Stattdessen entwickelt die Stadt seit einiger Zeit andere Konzepte zur Aufwertung bahnhofsnaher Plätze als Teil der Innenstadtentwicklung. Neben dem Andreas-Hermes-Platz fallen darunter auch der Raschplatz und der Weißekreuzplatz. Letzterer wurde bereits im Jahre 2023 umgestaltet. Für den Raschplatz und den Andreas-Hermes-Platz wurden bisher vor allem temporäre Veranstaltungskonzepte initiiert. So wurde am 20. Juni am Andreas-Hermes-Platz die diesjährige Sommerlounge eröffnet. Sie bietet bis Ende September ein buntes Programm aus Tanz, Lesungen, Konzerten und Workshops an. Dazu wird zwischen Hotel und Pavillon-Gebäude eine Holzterrasse mit einem Zeltdach als Sonnen- und Regenschutz aufgebaut. Hinzu kommen Sitz- und Spielmobiliar und Pflanzenkübel zum gemeinsamen Gärtnern. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Oststadt-Bibliothek und das Kulturzentrum Pavillon sowie weitere Akteurinnen und Akteuren den Andreas-Hermes-Platz auf ähnliche Art bespielt. Die Anwohnerinnen und Anwohner des Quartiers reagierten, laut Stadt, positiv auf die Angebote, pflegten die Hochbeete mit und nutzten die neue Grünoase und den Lesegarten zum Aufenthalt. Im Zuge der Initiativen kristallisierte sich für die Zukunft des Ortes eine klare Gestaltungshaltung heraus. Die Brunnenanlage von Gustav Lange soll einer neuen Nutzung weichen. In einer Beschlussvorlage vom 21. August 2023 führte die Stadt Hannover aus, sie werde im Jahr 2024 mit den Planungen für ein neues dauerhaftes Gestaltungs- und Nutzungskonzept des Platzes beginnen. Durch Zwischennutzungen wolle sie verschiedene Nutzungskonzepte testen.


„Warum repariert man nicht?“

Während der zuständige Stadtbezirksrat dazu seine Zustimmung erteilte, sprachen sich die Erb*innen des verstorbenen Architekten gegen den Eingriff in das Gesamtwerk aus. Sie fände den Abriss nicht richtig, sagt Claudia Fiedler, Ehefrau von Gustav Lange, im Gespräch. Denn Platz und Architektur hingen an dieser Stelle zusammen und ergäben ein Gesamtkunstwerk, das speziell auf den Ort abgestimmt wurde. Um den Abriss zu verhindern, zogen sie vor das Landgericht Hannover, welches das Anliegen zunächst zurückwies. In zweiter Instanz wurde den Erbinnen und Erben jedoch vom Oberlandesgericht Celle Recht gegeben. Dieses untersagte der Stadt auf der Grundlage der derzeitigen Sachlage den Brunnen abzureißen. Denn der Urhebende eines Kunstwerks sei ebenso wie dessen Erbinnen und Erben grundsätzlich vor Beeinträchtigungen seines Werks geschützt. Weiter hieß es im Urteil des Oberlandesgerichts Celle: „Zwar gehen die Interessen des Grundstückseigentümers in der Regel gegenüber dem Urheberinteresse vor. Vorliegend genügt jedoch der gegenwärtige Stand der Planung der Stadt Hannover für eine – dauerhafte oder vorübergehende – Umgestaltung und Umnutzung des Platzes nicht, um das verfassungsrechtlich geschützte Interesse des Urhebers an dem Erhalt seines Werks zurücktreten zu lassen.“
Bisher liegt eine erste Planungsskizze für eine dreijährige Zwischennutzung vor. Das Stadtplanungsbüros Cityförster hatte das Konzept mit ausgearbeitet. Dieses sieht – unter Einbezug der bisherigen Nutzerinnen und Nutzer – vier verschiedene Themenbereiche vor: einen Kita- und Familiengarten, einen Lese- und Kulturgarten, einen Stadtteilgarten sowie einen Bereich für Wohnungslose. Elemente wie Spielzonen, Trinkwasserbrunnen, mobile Sitzflächen und Flächen für Solidarische Landwirtschaft sind ebenso Teil des Konzeptes wie Aufenthaltsorte und Integrationsangebote für Obdachlose. Der Platz solle miteinander genutzt werden und ein Dialog entstehen, heißt es von Finanz- und Ordnungsdezernent Axel von der Ohe im Gespräch mit dem Nachrichtenportal t-online.


„Atmosphäre, die man so schnell nicht kippen kann“

Kommunikation ist jedoch genau das, was Claudia Fiedler im Prozess bisher vermisst. Für sie steht eine Frage im Vordergrund: „Soll man ein Kunstwerk zerstören, wenn man es erhalten kann? Warum repariert man es nicht?“ Denn die angestrebten Nutzungen könnten ihres Erachtens auch im Einklang mit dem Brunnen stattfinden. Schon früher habe es Veranstaltungen mit zahlreichen Besucherinnen und Besuchern vor Ort gegeben. Die robuste Konstruktion sei gar imstande, der Ausdehnung gefrorenen Wassers standzuhalten, weshalb bei Instandsetzung sogar eine Nutzung über die Wintermonate als Eisfläche vorstellbar wäre. Dafür brauche es den radikalen Abbruch nicht. Weiterhin kritisiert sie, dass in allen Konzepten nur von Nutzung, aber nie von einer starken Gestaltung die Rede sei. Dabei wäre genau eine solche imstande, auch ein erweitertes Raumprogramm zu tragen: „Dieser Brunnen ist in seiner Gestalt so stark und für den Platz prägnant und erzeugt eine Atmosphäre, die man so schnell nicht kippen kann“, ist Fiedler überzeugt.


Urheberrecht verhindert derzeit den Abriss

Auch finanziell sei der Abbruch nicht zu rechtfertigen. Dazu hat der Architekt Jürgen Böge durchgerechnet, dass eine Sanierung der Brunnentechnik letztlich günstiger sei als der Abriss und die Neugestaltung des Platzes. Ebenso den Aspekt des Klimaschutzes sehen Böge und Fiedler kritisch. Befürworterinnen und Befürworter des Umbaus stehen für eine Entsiegelung der Fläche ein. Doch auch der Brunnen selbst könnte einen Beitrag zur Reduzierung der Hitzebelastung für die Bevölkerung leisten. Und vor allem die Thematik um Erhalt und Abriss muss aus Klimaschutzsicht am Einzelfall verhandelt werden. Der Brunnen ist aus hochwertigem Sandstein gebaut – um Ressourcen zu schonen, wäre ein Erhalt zu prüfen. Verbände wie Architects for Future rechnen vor, wie jedes Gebäude, das im Bestand erhalten werden kann, CO2 einspart. Sie sprechen sich dafür aus, Klimaauswirkungen künftig in der Gesamtbetrachtung zu prüfen und nur abzureißen, wenn Abriss und Neubau tatsächlich ökologischer sind als die Sanierung eines Objektes. Bisher beschränkt sich diese Debatte vor allem auf Gebäude. Jürgen Böge spricht sich für eine gleichwertige Betrachtung von Freiräumen unter diesem Aspekt aus. Und für eine Prüfung des Denkmalschutzes bei Bauensembles auch aus der jüngeren Geschichte, wie hier aus den 90er-Jahren. Die Stadt Hannover konnte aufgrund des laufenden Verfahrens zu Fragen zur Umgestaltung des Andreas-Hermes-Platzes keine Stellung beziehen.


Kurz vor dem Abriss

Der Andreas-Hermes-Platz steht nicht unter Denkmalschutz. So schützt derzeit allein das Urheberrecht von Gustav Lange und seiner Erbinnen und Erben den Brunnen vor dem Abriss. Dass Räume sich verändern und Städte und Gemeinden ihre Ansprüche weiterentwickeln dürfen, steht dabei nicht zur Debatte. Die Art und Weise des Wandels hingegen schon. Das komplexe Konglomerat aus Denkmalschutz, Urheberrecht und Klimaschutz bedarf deshalb einer vertieften Auseinandersetzung. Jürgen Böge sagt dazu: „Sicher ist es so, dass Ansprüche sich ändern, und das ist auch ganz normal, aber ich glaube, es gehört beides zu unseren Städten: steinerne und grüne Plätze und Plätze zur Nutzung. Und dann muss es aber auch diese anderen Plätze geben, die Weite und eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Das gehört alles zu unserer Kultur und zu unserem Leben, und das würde ich nie gegeneinander ausspielen. Klimaschutz allein als Impuls, das finde ich ein bisschen zu simpel.“ Claudia Fiedler sagt, auch ihr verstorbener Ehemann hätte sich für das Weiterbestehen des Andreas-Hermes-Platzes eingesetzt. In einem Nachruf im Magazin Baumeister zitiert Lars Hopstock aus Gustav Langes Abschiedsvortrag an der Universität Kassel 2002. Darin sagte der Landschaftsarchitekt, es gehe ihm in seiner Arbeit „um die Rekombination des Vorhandenen, und nicht um neue gestalterische Komplexe – davon gab es und gibt es mehr als genug“. Vielleicht wäre diese Haltung eine Empfehlung für Projekte im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz, Urheberrecht und Klimaschutz. In Hannover wurde nun ein Gesprächsprozess initiiert.

Erstmals veröffentlicht in G+L 08/24: Klimaschutz in der Denkmalpflege

Weiterlesen: Das Marmorepitaph des Konrad Popp aus dem späten 16. Jahrhundert, das an der südlichen Außenmauer der Stadtpfarrkirche St. Leonhard im Lavanttal (Kärnten), angebracht war, wurde wegen seines gefährdeten Zustandes am Institut für Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst Wien untersucht und restauriert.

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