Ab nach München!

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Münchner Damen-Akademie: Käthe Schmidt (verh. Kollwitz) zwischen Maria Slavona (vorne rechts) und Rosa Pfäffinger (vorne liegend) sitzend, Fotografie 1889, Bild: Privatbesitz, München

Mit der neuen Ausstellung „Ab nach München! Künstlerinnen um 1900“ lockt das Münchner Stadtmuseum seit 12. September 2014 zu einem Besuch. Jene ist sowohl Kunstausstellung als auch kulturgeschichtliche Ausstellung, die den Fokus auf die Stadt und deren internationale Vernetzung legt. Sie bietet Einblick sowohl in das Werk der weiblichen Künstlerinnen als auch deren zeitgenössische Situation in München. Denn München war um 1900 Kunststadt sowie Zentrum der Frauenbewegung, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts politische und soziale Gleichberechtigung sowie Ausbildungsmöglichkeiten verlangte.

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Der Harlekin von Lotte Pritzel (1887–1952), Wachsfigur, um 1917 , Foto: Münchner Stadtmuseum

Der Eingangsbereich der Ausstellung gibt Hinweise auf die zeitgenössische Situation: Generell hat man Frauen das ausreichende Talent zur Kunst abgesprochen, die Aktzeichnung etwa galt für sie als „unschicklich“. Bis 1920 war Frauen der Zugang zur Akademie zwar verwehrt, allerdings zog es um 1900 viele junge Frauen „ab nach München“, da die Stadt andere attraktive Bildungsmöglichkeiten für Frauen bot. 1868 gründete eine Gruppe von Frauen als gemeinnütziger Verein eine Kunstschule für Mädchen, ab 1872 war eine Ausbildung zur Zeichenlehrerin in der „Weiblichen Abteilung“ der Königlichen Gewerbeschule möglich. 1882 schloss sich eine Gruppe von Frauen zum „Münchner Künstlerinnen-Verein“ zusammen, um dem Mangel an Ausbildung Abhilfe zu schaffen: Sie richteten viele Feste aus, hatten eine Darlehenskasse für finanziell bedürftige Mitglieder, organisierten Ausstellungen sowie Kunsttransporte. 1884 eröffneten sie die „Münchner Damen-Akademie“, die bald Frauen aus dem In- und Ausland nach München lockt.

Die Ausstellung zeigt etwa 300 Werke bekannter sowie unbekannter Künstlerinnen aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Grafik, Möbelkunst, Schmuck, Glas, Keramik, Porzellan, Textilien und Fotografie. Innerhalb dieser Bereiche werden die Künstlerinnen porträtiert und mit ihren Werken vorgestellt. Im Bereich Grafik und Gemälde werden unter anderen Gabriele Münter (1877 Berlin – 1962 Murna) oder Käthe Schmidt (verh. Kollwitz, 1867 Königsberg – 1945 Moritzburg) vorgestellt.

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Übrig bleibt nur Draht: Das Wachs an der Hand dieser Pritzel-Puppe ist zur Gänze geschmolzen.

Im Bereich Kunsthandwerk ist auch Lotte Pritzel (1887 Breslau – 1952 Berlin) mit ihren Puppen vertreten: Fragil und zart wirken die Figuren, die aus Draht und Wachs konstruiert mit Tüll, Spitze, Glasperlen, Pailletten und Goldlahn bekleidet sind. Mit ihren tänzerischen Posen ziehen sie die Blicke auf sich, zu deren Entstehungszeit jedoch waren sie wohl noch attraktivere Blickfänger. Die Puppen der Autodidaktin waren in den 1920er Jahren sehr begehrt, sie wurden zu hohen Liebhaberpreisen sogar bis Amerika verkauft.

Zur „Tänzerin“, die bereits im Besitz des Münchner Stadtmuseums war, tätigte das Museum anlässlich der Ausstellung einen Neuankauf von 12 Puppen. Aufgrund eines Brandes in der Wohnung der Vorbesitzerin und der Empfindlichkeit des Materials zeigten die Puppen starke Schäden: Sie waren aufgrund der Wärme deformiert, ursprünglich goldfarbene Elemente hatten sich farblich zu dunkelgrau verändert und teilweise war das Wachs schlicht geschmolzen.

In der Dezember-Ausgabe der RESTAURO 8/2014 berichtet Sabine Schwab, freiberufliche Restauratorin, in der Rubrik „Kunststück“ detailliert über die Restaurierung der „Pritzel-Puppen“.

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Die Pritzel-Puppen in der Ausstellung

Zur Ausstellung erschien ein umfassender Katalog bei der Süddeutschen Zeitung Edition:
Voit, Antonia (Hrsg.): Ab nach München! Künstlerinnen um 1900, Ausst.-Kat. Stadtmuseum München, München 2014, 416 Seiten, € 29,90.

Ab nach München! Künstlerinnen um 1900
Ausstellung des Münchner Stadtmuseums
12.09.2014–08.02.2015