02. November 2011 / Isabella Haag

Wenn die Liebe Rost ansetzt

Brücke in Paris

Um der Liebe öffentlich ein Zeichen zu setzen, gibt es viele Möglichkeiten. Die Einen grölen voller Inbrunst Drafi Deutschers »Marmor, Stein und Eisen bricht« mit. Die Anderen gehen etwas dezenter vor. Eingeritzt in den Stamm einer Eiche oder als Schriftzug auf zahlreichen Schulbänken, Toilettentüren und Vorhängeschlössern verkünden sie die ewige Liebe zwischen S + J, B + C oder F + M.

Diese Schlösser findet man erst seit einigen Jahren an Brückengeländern und Laternenpfosten. Ob kunstvoll graviert oder schnell bekritzelt, wirft man den Schlüssel anschließend in den Fluss, soll die Liebe ewig halten. 

Der Brauch beruht vermutlich auf dem Roman »Ho voglia di te« (auf deutsch in etwa »Ich steh auf dich«) von Federico Moccia aus dem Jahr 2006, oder dessen Verfilmung ein Jahr darauf. Ganz sicher ist das jedoch nicht.

Alle wollen Sie, wie im Buch, an diese große, ewige Liebe glauben. Die Frage nach der Legalität des Tuns wird gar nicht erst gestellt, ebenso wenig die Frage, ob dadurch vielleicht ein Schaden entsteht. Doch die Schlösser zerkratzen das Metall, hinterlassen Furchen und Kerben, korrodieren und verursachen Korrosion an den teils denkmalgeschützten Geländern oder Laternen.

In Rom, Paris oder München geht man ganz unterschiedlich mit diesem Brauch um.
Nachdem die zentrale Laterne auf der Milvischen Brücke unter dem Gewicht tausender Schlösser umgeknickt war, wurden sie in Rom gar zeitweise verboten. Ma Roma senza Amore? Rom ohne die Liebe? Undenkbar. Also brachte die Stadt Poller an, spannLiebesschlösser; Armin Kübelbeckte Ketten dazwischen und sorgte so für alternative Plätze für die Lucchetti dell'Amore.

Das Liebesschloss-geplagte Venedig – kein Wunder bei all den Brücken und der ganzen Romantik – lässt seine Brücken momentan bewachen, die Schlösser werden entfernt, wer sich beim Anbringen erwischen lässt, dem droht ein Bußgeld.

Auch an der Thalkirchner Brücke in München werden rund 50 Schlösser bald abgeknipst. Sie sind bereits stark korrodiert und könnten die Bausubstanz angreifen. »Wir werden sie aber im Bauhof aufbewahren, damit die Besitzer sie abholen können«, so Jürgen Marek, S precher des Baureferats München. Solange die Brücke also keinen Schaden nimmt, duldet man in München die Schlösser.

Ebenso in Bamberg, wo Hunderte Liebesschlösser an der Kettenbrücke hängen. Man beobachte das Ganze aber mit großer Skepsis, erklärt Claus Reinhardt, Sprecher des Baureferats Bamberg. Durch den Kontakt mit den Metallschlössern könne der Brückenstahl korrodieren und das gelte es zu verhindern.

An der Bremer Teerhofbrücke werden die Schlösser daher auch zyklisch entfernt und langfristig nicht geduldet. Hier steht nach Aussage von Martin Stellmann vom Amt für Straßen und Verkehr jedoch nicht nur der Denkmalschutz im Vordergrund. Vor allem Kinder könnten durch die angebrachten Schlösser leichter übers Geländer klettern und in die Tiefe stürzen.

Im Mai 2011 setzten auch die Behörden in Salzburg den Bolzenschneider ein, die Liebesschlösser am Markatsteg wurden entfernt. Die Salzburger waren empört, Widerstand regte sich. Die Behörden lenkten ein, bis zu einem gewissen Ausmaß ist das Anbringen der Schlösser nun wieder gestattet.

Auch in Paris waren im Vorjahr zahlreiche Schlösser am Brückengitter der Pont des Arts über Nacht verschwunden. Polizei und Behörde dementierten aber jegliches Vorgehen, auch wenn die Stadt die Vorhängeschlösser zuvor als Verstoß gegen den Denkmalschutz kritisiert hatte. Bis heute weiß niemand so recht, was in jenem März 2010 vor sich ging. So sind die ältesten Schlösser in Paris nun vom Frühjahr 2010.

Die »Stadt der Liebe« heißt jetzt Köln, Heilbronn oder Hitzacker.
Die Hohenzollernbrücke in Köln zieren hingegen rund 40.000 Schlösser der letzten drei Jahre. Die Stadt sieht (noch) keine Notwendigkeit einzuschreiten. Ganz im Gegenteil. »Das soll so lange hängen bleiben wie möglich«, erklärt Jürgen Müllenberg, Sprecher der Stadt Köln. Seit im Spätsommer 2008 die ersten Liebesschlösser entdeckt wurden, hat der Tourismus-Shop auch ein rotes Zierschloss in Herzform im Sortiment – und dieses ist regelmäßig ausverkauft.

Wie Köln haben auch einige anHohenzollernbrücke Köln; Rainer Stang/Lichtlinsedere Städte die Chance genutzt und vermarkten dieses Liebessymbol. Heilbronn, zum Beispiel, kann nun wirklich nicht als romantisch bezeichnet werden, geschweige denn als schön. Der schnelle Wiederaufbau nach dem Krieg hat dem Neckarstädtchen mehr geschadet als genutzt. Wer schon einmal dort war, kann das wohl nur bestätigen. 2010 stellte die Stadt an der Götzenturmbrücke eine Gitterwand auf und weihte diese mit Blasmusik und Ansprache ein. Am 14. Februar werden hier nun vom Hl. Valentin Blumen verteilt, die Sparkasse verschenkt zur Hochzeit ein Schloss. Das Gitter ist mit rund 300 Schlössern langsam voll. Bernhard Winkler, Geschäftsführer der Heilbronn Marketing, denkt bereits an ein zweites.

Auch in Hitzacker denkt man strategisch. Am Hiddo-Steg über die Jeetzel hängen die Schlösser an vier Ketten. Ein offizielles Messingschild am Geländer erklärt: »Hochzeitskette – Schlösser als Symbol der ewigen Liebe von Jungvermählten«.

Die meisten Städte profitieren von dem Brauch der Liebesschlösser.
Sie verkaufen selbst Schlösser und veranstalten Aktionen – aus dem Altmetall könnten sie gar Gewinn erzielen. Extra angebrachte Ketten und Gitterwände verhindern eine direkte Montage am Geländer. Regelmäßige Kontrolle und wenn nötig der Einsatz des Bolzenschneiders kommen Korrosion und massiver Gewichtsbelastung zuvor. Das Denkmal muss durch die Schlösser also nicht unbedingt gefährdet sein. Über die optische Beeinträchtigung ließe sich natürlich streiten.

Doch diese Städte haben eines erkannt: Der Mensch braucht Hoffnung. Sei es die auf Erlösung, auf eine bessere Zukunft oder eben an die Liebe, die ewigwährende, erwiderte und ehrliche Liebe. Ein angebrachtes Schloss, ein weggeworfener Schlüssel bieten dafür keine Garantie – und sind dennoch ein schönes Symbol. Halten wir es also mit dem vielzitierten Erich Fried, akzeptieren die schnöden Liebesschlösser und sagen »Es ist was es ist«.

 
 
 
 
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