19. Juli 2012 / Isaballa Haag
Streifall Rekonstruktion. Teil 2
2010 machte die Ausstellung »Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte« von sich reden.
Dieser Ausstellung vorweg ging 2008 das Symposium »Das Prinzip Rekonstruktion«. Organisiert von der TU München und der ETH Zürich folgte ihm 2010 die gleichnamige Publikation durch Winfried Nerdinger und Uta Hassler. Die (Kultur-)Geschichte der Rekonstruktion ist dabei ebenso Thema, wie die jahrhundertwährenden Debatten oder der Verlust handwerklicher Traditionen.
Die Beiträge von Andreas Tönnesmann und Dorothee Heinzelmann thematisieren die historische Perspektive.
Wie Tönnesmann erläutert, wollte die Renaissance keine reine Rekonstruktion. Form und Funktion wurden nur aktualisiert. »Das Wissen über die ursprüngliche Funktion eines antiken Baus konditionierte entscheidend den zeitgenössischen Umgang mit ihm.« (S. 94) So wurde in der Renaissance korrigiert, historische Distanz sichtbar gemacht, neu komponiert und erfunden. Die Renaissance zitierte die Antike und übersetzte die antike Formensprache.
Heinzelmann befasst sich in ihrem Beitrag mit der Rekonstruktion im Mittelalter. Diese kämpft mit zwei Schwierigkeiten: der schriftlichen und der materiellen Quellenlage. Der Umfang der Rekonstruktionsmaßnahmen ist dadurch heute schwer nachvollziehbar.
Wohingegen Uta Hassler und Jürgen Pursche die handwerklichen Schwierigkeiten und Problemstellungen erläutern.
Traditionelle Handwerkstechniken sind im Aussterben begriffen, verdeutlicht Hassler. Dadurch könne die Arbeit nicht mehr in akzeptabler Qualität geleistet werden. Der Verlust vorindustrieller Bautechnik mache aus heutigen Rekonstruktionsbaustellen Amalgame (S. 51).
Pursche thematisiert den rekonstruktorischen Ansatz in der Wandmalerei-Restaurierung und erläutert, dass mit der Erneuerung einer Raumfassung stets eine vorhandene oder vorangegangene zeittypische Schicht eliminiert oder überdeckt wird. Er scheint die Ansicht Georg Mörschs zu teilen, der sagt »Rekonstruktion zerstört« – und zwar immer eine historische Schicht. Somit gehen entwicklungs- und zeitgeschichtliche Dokumente optisch und/oder substantiell zwangsläufig verloren. Daher sieht Pursche in einer Rekonstruktion lediglich die Erhaltung und Förderung künstlerischer und handwerklicher Traditionen und Fähigkeiten.
Rekonstruktion ist ein facettenreiches Verfahren, das der vorliegende Band breit definierte. Die Veranstalter versuchten die Positionen differenziert darzulegen, fraglich bleibt jedoch, warum zeitgenössische Skeptiker nicht allzu stark vertreten waren.
Uta Hassler, Winfried Nerdinger (Hg.): Das Prinzip Rekonstruktion,
Institut für Denkmalpflege und Bauforschung (IDB) der ETH Zürich und vdf Hochschulverlag AG, Zürich 2010, 336 Seiten
ISBN 978-3-7281-3347-2
Preis 49,90 Euro
>> Zum Teil 3 dieser Rezension
Dem Thema Rekonstruieren und Ergänzen ist übrigens auch unser Heftschwerpunkt in RESTAURO 5/2012 gewidmet, mit vielen aktuellen und spannenden Praxisbeispielen.


