02. Dezember 2011 / Isabella Haag

Schadstoffe im Museum richtig einschätzen

Zumeist unsichtbar und häufig unbemerkt belasten Schadstoffe wertvolles Kulturgut. Die Ursachen dieser Belastungen können vielfältig sein. Zum Vitrinenbau und zur Museumsausstattung eingesetzte Materialien können ebenso Schadstoffe freisetzen wie in der Vergangenheit mit Schädlingsbekämpfungsmitteln behandeltes Sammlungsgut. Auf Schadstoffe zu prüfen sowie geeignete Messmethoden zu entwickeln und zu optimieren, ist daher von großer Bedeutung.Schadstoffmessung im BAM

Gängige Prüfmethoden

Bezogen auf die Kulturguterhaltung existieren bislang weder allgemein verbindliche Prüfmethoden noch etwaige Schadstoffgrenzwerte.
Jedoch werden zur Identifizierung und Quantifizierung von Schadstoffen bereits verschiedene analytische Testmethoden angewandt, wie z.B. der Photoionisations-Detektor, die Acid-Detection-Strips (A-D Strips) oder der Oddy-Test. Meist handelt es sich dabei um Screeningmethoden, die Summenparameter bestimmen und lediglich einen Orientierungswert zur Einstufung des Schädigungspotentials nennen.
Zudem existieren Bewertungsschemata für Bauprodukte, wie z. B. das AgBB-Schema (Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten), bei denen die Emission von flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) in Emissionskammern bestimmt werden. Diese Verfahren und deren Bewertung sind jedoch zeitintensiv, da die untersuchten Materialien über 28 Tage in den Prüfkammern verbleiben. Da bei diesen Prüfungen mit innenraumtypischen Luftwechselraten gearbeitet wird, werden die dort ermittelten Ergebnisse den speziellen Materialanforderungen im Vitrinenbau nicht gerecht.

Neue Verfahren und Grenzwerte

Moderne Museumsvitrinen schützen die Exponate verhältnismäßig weit reichend vor externen Schadstoffen. Erreicht wird dies durch eine möglichst geringe Luftwechselrate. Die Vitrine ist regelrecht klimadicht. Genau darin kann aber das Problem bestehen, wenn sich die Schadstoffe bereits im Inneren der Vitrine befinden – beispielsweise aufgrund der verwendeten Materialien. Somit kann diese hohe Luftdichtigkeit die schädigende Wirkung verstärken, da die vorhandenen Schadstoffe nicht aus dem Vitrineninneren entweichen und sich folglich die Schadstoffkonzentration im Inneren deutlich erhöhen kann.
Ein Forschungsprojekt der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) setzte sich daher zum Ziel, Grenzwerte festzulegen und anschließend eine praktikable, zeitsparende und effiziente Messmethode für Materialemissionen zu entwickeln. So lassen sich schlussendlich geeignete Materialien für den Bau von Behältern für die Präsentation, Lagerung und Transport von Kulturgütern auswählen.

Emissionen bewerten

Das neu entwickelte Verfahren – BEMMA – dient der Bewertung von Emissionen aus Materialien für Museumsausstattungen. Es soll eine schnelle Analyse von flüchtigen organischen Verbindungen ermöglichen und verlässliche Ergebnisse erzielen.
Die Details zur Untersuchung, Bestimmung und Berechnung der Kriterien sind oder werden ausführlich veröffentlicht (s. Literaturhinweise am Textende).

Festgesetzte Emissionswerte

Die Emissionswerte basieren auf den Ergebnissen des vorangegangenen Forschungsprojektes zur Bestimmung von emissionsarmen Materialien für den Vitrinenbau. Sie folgen dem Wunsch, Fremdstoffe im Vitrineninneren weitestgehend zu minimieren. Substanzen mit hohem Belastungspotenzial, wie beispielsweise Ameisensäure, Essigsäure, Formaldehyd dürfen nicht aus den Materialien emittieren bzw. nachweisbar sein. Weiterhin wurden für VVOCs ,VOCs und SVOCs Summenwerte festgelegt, die nicht überschritten werden dürfen.

Überschreitet ein Produkt einen der Emissionswerte erfüllt es die Kriterien des BEMMA-Bewertungsschemas nicht. Bei einigen untersuchten Vitrinenbaumaterialien ist das bereits jetzt der Fall. Auf diese Weise sollen bedenkliche Materialien ausgesondert werden, sodass nur entsprechend geeignete Vitrinenbaumaterialien, d.h. mit geringen Emissionen, für den Vitrinenbau eingesetzt werden.

Es sei darauf hingewiesen, dass BEMMA keine Gewähr und keine Garantie für eine emissionsarme Vitrine bietet. Bewertet wird nicht die Vitrine, sondern das zu verwendende Material vorab. Ein Verfahren dieser Art ist notwendige Voraussetzung für die Auswahl geeigneter Materialien für möglichst schadstoffarme Vitrinen.

Literaturhinweise

Einen ersten Überblick zu den Bestimmungsmethoden gab es in RESTAURO 5/2011. Die Ergebnisse werden ausführlicher im Restauratoren Handbuch 2012/13 sowie in einer der ersten Ausgaben von RESTAURO in 2012 vorgestellt. Die Bestimmung der Essig- und Ameisensäure wird in GEFAHRSTOFFE in 2012 veröffentlicht.

Anregungen erwünscht

Das Forschungsteam wird sich auch weiterhin intensiv mit den Fragestellungen rund um emissionsarme Vitrinen beschäftigen.
Ideen, Anregungen, Vorschläge und Kritik, die zu einer Erweiterung und Verbesserung des Systems führen, sind von den Entwicklern ausdrücklich erwünscht. Als Ansprechpartner stehen Ihnen Dr. Katharina Wiegner und Matthias Farke zur Verfügung.
Auf den Seiten des Netzwerks zur interdisziplinären Kulturguterhaltung in Deutschland (N.i.Ke.) erhalten Sie nach der kostenfreien Registrierung in absehbarer Zeit weitere Infos.




 
 
 
 
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