27. Januar 2012 / Isabella Haag
Dem Denkmal aufs Dach gestiegen...
Als das Künstler-Ehepaar Christo und Jeanne-Claude 1995 den Reichstag verhüllen ließen, montierten fast 100 Industriekletterer die Plane am Gebäude. Über diese Art der Kunst kann man sich streiten, die Arbeit der Spezialisten am Seil ließ jedoch die meisten Zuschauer staunen. Industriekletterer sind heute als Servicetechniker an Windkraftanlagen im Einsatz, sie montieren großflächige Werbebanner oder reinigen vollverglaste Wolkenkratzer. Aber auch im Denkmalschutz werden sie eingesetzt.
Das Industrieklettern muss eingehend erlernt werden. Alpine Sicherungs- und Klettertechniken bilden die Grundlage, doch ein Hobbykletterkurs reicht für den Einsatz an Windkraftwerken oder Bauwerken nicht aus. Eine speziell geschulte Technik (Seilzugangstechnik) ist die Grundlage fürs Abseilen.
Viele Höhenarbeiter haben einen technischen oder handwerklichen Hintergrund. Sie sind beispielsweise Maurer, Dachdecker, Zimmerer oder haben einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf erlernt. So auch der Diplom-Physiker Steffen Gliwa aus Dresden. In luftiger Höhe begutachtet und dokumentiert er vor allem Windkraftanlagen – aber auch schwer zugängliche Baudenkmäler.
Gliwa unterstützte im Jahr 2000 die Restauratoren beispielsweise bei der Restaurierung der Schlossuhr von Schloss Ludwigslust, positionierte den Arbeitsplatz, führte Steinkittungen und die farbliche Endfassung durch. Ein Jahr später machte er sich als Industriekletterer selbstständig. Die Zusammenarbeit mit Restauratoren verläuft stets problemlos, auch wenn an einem Baudenkmal einiges zu berücksichtigen ist: »Die Sensibilität des Bauwerks ist zu beachten, nicht überall kann man zum Beispiel Schwerlastanker setzen. Objektbezogen werden hier geeignete vorhandene Strukturen stärker in die Zugangskonzeption einbezogen«, so Gliwa. Gerade die Vielfalt seiner Arbeit findet der Industriekletterer spannend. Bereits die Frage, wo man am besten einen Arbeitsplatz positionieren könnte, erfordert häufig Kreativität.
Alles begann als studentische Hilfskraft unmittelbar nach der Wende. Ostdeutsche Bergsteiger gründeten in vielen Großstädten entsprechende Unternehmen und sanierten die schnell porös gewordenen Fugen der Plattenbauten. Doch seine wohl interessantesten Projekte waren die Begutachtung von 120 Windkraftanlagen in einem riesigen Windpark bei Zaragoza/Spanien und die Malerarbeiten an der Spitze des Dresdner Fernsehturms. Und dennoch: Baudenkmäler ziehen ihn an. Auf die Frage von wo er sich gerne mal abseilen würden, findet Gliwa mehrere Antworten: »Von der Oper in Sydney (67m), dem Kölner Dom (157m), dem Völkerschlachtdenkmal (91m) oder einem Wolkenkratzer in Dubai (250-828m).« Hauptsache hoch, scheint uns.
Kontakt: Steffen Gliwa, roto-check@gmx.de, www.rotor-check.de


